bedeckt München

Balkan:Domino-Effekt

Ein Gebietstausch zwischen Serbien und Kosovo würde neue Konflikte provozieren. Die Balkan-Staaten sollten als multi-ethnische Staaten Teil einer multi-ethnischen Gemeinschaft werden, der EU.

Von Peter Münch

Man nehme ein Ei, am besten wohl hart gekocht, und schlage es mit der Spitze auf den Tisch, auf dass es stehen bleibt zur Überraschung aller. Vom Ei des Kolumbus spricht man gemeinhin, wenn sich plötzlich für ein elendig vertracktes Problem eine verblüffend einfache Lösung findet. Ein Beispiel dafür präsentierten nun bei aller sonstigen Uneinigkeit die Präsidenten Serbiens und Kosovos: Nach einem blutigen Krieg in den Neunzigern und internationalem Druck zur Aussöhnung haben sie sich plötzlich unisono für einen Gebietstausch ausgesprochen. Der serbisch besiedelte Norden Kosovos könnte Serbien zugeschlagen werden, im Gegenzug sollen sich die Albaner im südserbischen Prešovo-Tal an Kosovo anschließen. Eine Einigung in dieser Frage soll beiden Ländern den Weg in die EU ebnen. Aus vielen Ecken kommt Applaus. Doch das Ei ist faul.

Gewiss, auf den ersten Blick erscheint es naheliegend, dass Grenzkorrekturen die ewigen ethnischen Konflikte entschärfen könnten. Darauf bauen die positiv gestimmten Vertreter der EU-Kommission in Brüssel, wo Serbiens Präsident Aleksandar Vučić und sein kosovarischer Kollege Hashim Thaçi am Freitag erschienen - und dem gemeinsamen Plan zum Trotz noch einmal auf Streit gebürstet waren. Rückenwind für den Plan kommt auch aus den USA, wo Donald Trump wohl einen Deal wittert. Interessant ist die Idee natürlich auch für Wladimir Putin in Moskau, mit Blick auf die Krim zum Beispiel.

Angesichts dieser Woge an Erleichterung bis hin zur Begeisterung darüber, dass endlich einmal ein neuer Schwung in die balkanische Gemengelage kommt, haben es die Skeptiker und Warner - darunter die deutsche Regierung und frühere Balkan-Gesandte der internationalen Gemeinschaft - erst einmal schwer. Aber sie haben eindeutig die besseren Argumente auf ihrer Seite. Denn das Modell der Grenzverschiebung wird sich nicht auf den kosovarischen "Spezialfall" beschränken lassen. Wer das glaubt, der ist bestenfalls naiv. Die absehbare Folge einer Kosovo-Korrektur ist ein Domino-Effekt.

Schon hört man aus dem Drei-Völker-Staat Bosnien die Stimmen der Serben, die ebenfalls gen Belgrad streben. Auch die Kroaten in der Herzegowina würden schleunigst den Anschluss ans "Mutterland" betreiben. Mazedonien mit seiner starken albanischen Minderheit wäre einer Zerreißprobe ausgesetzt. Auf der Tagesordnung stünden dann mit einem Schlag wieder großserbische, großkroatische und großalbanische Ansprüche. So wird geschichtsvergessen der Boden bereitet für neuen Krieg.

Grenzverschiebungen, die für Serbien und Kosovo den Weg in die EU ebnen sollen, stellen nicht nur die gesamte internationale Balkanpolitik der vergangenen 25 Jahre auf den Kopf. Sie stehen auch in diametralem Gegensatz zur Gründungsidee der EU als europäischem Friedensprojekt. Der Sinn der europäischen Einigung liegt ja allen aktuellen Bedrohungen zum Trotz gerade darin, die Probleme nicht durch Abschottung oder Ausgrenzung zu lösen, sondern durch Öffnung. Wer also den Balkan befrieden will, in dem er die lange verfeindeten Staaten in die EU einbindet, der sollte nicht auf Grenzverschiebungen setzen - sondern darauf, dass die Balkanländer als multiethnische Staaten Teil einer multiethnischen Gemeinschaft werden.

© SZ vom 08.09.2018
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema