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Bahnstreik:Ein teurer Irrtum

Es war der längste und härteste Tarifkonflikt in der Geschichte der Deutschen Bahn, nun ist er dank der zwei Schlichter gelöst: Beide Parteien können den Streit erhobenen Hauptes beilegen.

Diese Schlichter haben wahrlich Großes geleistet. Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und Brandenburgs früherem Regierungschef Matthias Platzeck ist etwas gelungen, was kaum noch jemand für möglich gehalten hat: den Tarifkonflikt bei der Bahn so zu beenden, dass beide Seiten erhobenen Hauptes verkünden können, ihre Ziele erreicht zu haben. Damit dürfte nun endlich wieder Ruhe einkehren bei dem Staatskonzern, und zwar hoffentlich für längere Zeit.

Mit dem Ergebnis können Bahn und GDL zufrieden sein. So hat die Bahn verhindert, dass in einer Berufsgruppe unterschiedliche Tarifverträge angewendet werden. Auch künftig gelten für Lokführer, Zugbegleiter oder Lokrangierführer gleiche Regeln, egal ob sie Mitglied der Lokführergewerkschaft GDL sind oder der größeren Eisenbahngewerkschaft EVG - oder ob sie gar keiner Gewerkschaft angehören.

Umgekehrt hat auch die GDL das erreicht, wofür sie so lange gekämpft hat: Erstmals durfte sie nicht nur für Lokführer einen Tarifvertrag abschließen, sondern für das gesamte Zugpersonal, also etwa auch für alle Zugbegleiter, die bei ihr Mitglied sind - obwohl diese Berufsgruppe mehrheitlich bei der EVG organisiert ist. Auch das ist ein Erfolg auf ganzer Linie: Weselsky hatte immer darauf beharrt, dass er das Recht habe, für jede Berufsgruppe einen Tarifvertrag abzuschließen, sofern nur ein einziger Vertreter dieser Berufsgruppe Mitglied bei der GDL ist. Beide Seiten haben also ihre Kernanliegen durchgesetzt - auch wenn man bei näherer Betrachtung feststellt: Inhaltlich hat die GDL im Wesentlichen das bekommen, was die Bahn im Mai bereits mit der EVG vereinbart hatte. Doch vielleicht sollte man solche Betrachtungen im Moment besser unterlassen, um nicht unnötig zu provozieren. Tatsache ist: Formal hat Weselsky eigenständige Tarifverträge für seine Mitglieder abgeschlossen, und genau das war sein Ziel. Damit ist der längste und erbittertste Tarifkonflikt in der Geschichte der Deutschen Bahn gelöst.

Diese Schlichtung hätte bereits im Herbst erreicht werden können

Gewinner sind zunächst einmal die Mitarbeiter, sie bekommen mehr Lohn und müssen weniger Überstunden machen. Was aber viel wichtiger ist: Niemand muss besorgt sein, dass er übervorteilt wird, mehr arbeiten oder längere Schichten fahren muss, nur weil er in der falschen Gewerkschaft ist. Weil die Bahn zu Recht auf einheitliche Regeln bestand, wurde eine Spaltung der Belegschaft verhindert.

Ebenfalls freuen dürfen sich die Fahrgäste. Sie können wieder unbesorgt Bahntickets kaufen. Streiks sind mindestens bis September 2016 ausgeschlossen, wohingegen die Bahn in den vergangenen Monaten so ziemlich das unzuverlässigste Verkehrsmittel war, das man wählen konnte. Ganze neun Mal hatte die GDL seit September letzten Jahres zum Streik aufgerufen, meist kurzfristig und für mehrere Tage.

Doch war dieser Aufwand überhaupt nötig? Weselsky meint: ja. Was soll er auch anderes sagen? Dass eine Einigung gelungen ist, liegt aber nicht etwa daran, dass die Bahn ihre Position aufgegeben hätte. Im Gegenteil. Der einzige Punkt, in dem sie sich von Anfang an unbeweglich gezeigt hatte, war, widersprüchliche Tarifverträge zu vermeiden. Das hat sie erreicht. Die Einigung jetzt ist vielmehr nur dem Umstand zu verdanken, dass endlich zwei Schlichter die Regie übernommen haben. Genau das aber hatte die Bahn schon im Herbst vorgeschlagen. Weselsky hatte es abgelehnt, weil es nichts bringe. Dass er damit falsch lag, steht spätestens jetzt fest.

Ein Irrtum, der einen hohen Preis hat. Denn nicht zuletzt durch die ständigen Streiks haben viele Millionen Fahrgäste in den vergangenen ein neues Verkehrsmittel für sich entdeckt: den Fernbus. Zu glauben, sie kämen nun alle wieder rasch zur Bahn zurück, wäre naiv.

© SZ vom 02.07.2015

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