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Baden-Württemberg:Asyl auf der Alb

Erste Flüchtlinge in Erstaufnahmestelle in Meßstetten eingezogen

Die Bürgerkriegsflüchtlinge sind in einer ehemaligen Kaserne untergebracht - ausgerechnet neben einem Truppenübungsplatz.

(Foto: Felix Kästle/dpa)
  • Eine Flüchtlingsunterkunft im schwäbischen Meßstetten ist das Vorzeigeprojekt des grünen Ministerpräsidenten Kretschmann.
  • Er will sich daran messen lassen, wie gut seine Regierung die Aufnahme der Asylbewerber meistert - 26 000 sind es in diesem Jahr in Baden-Württemberg.
  • Bis Ende 2016 können die Menschen in der Kaserne bleiben. Was danach kommt, weiß niemand. Die Rede ist von einem Gefängnis.

Die Fahrt hinauf auf die Schwäbische Alb ist schön und schaurig zugleich. Gespensterhaft wabern Nebelschwaden, der Wald steht schneebestäubt, dunkel und kalt. Und wer als Flüchtling sein Ziel erreicht hat, die Landeserstaufnahmestelle in Meßstetten, den empfangen: Maschinengewehrfeuer und Kanonendonner. Die Asylbewerber sind in einer ehemaligen Kaserne untergebracht, neben einem Truppenübungsplatz. Ob das die richtige Umgebung für Menschen ist, die gerade dem Bürgerkrieg in Irak oder Syrien entflohen sind?

Frank Maier, Leiter der Aufnahmestelle, sagt, er habe noch keine Beschwerden über den Waffenlärm gehört. Sofort nach ihrer Ankunft würden die Flüchtlinge belehrt, dass jenseits des Zaunes nur simulierte Kampfhandlungen stattfinden. Die Menschen seien froh, erst einmal eine sichere Bleibe gefunden zu haben. Was sie eher bewege, sagt Maier, sei die Frage, wohin sie hinterher verlegt würden. "Eine große Stadt, das ist ihnen wichtig." Denn auf der Alb kann es nicht nur kalt werden, sondern auch einsam.

Bis September hat Frank Maier das Rechts- und Ordnungsamt im Landratsamt Zollernalbkreis geleitet, seither trägt er die Verantwortung für ein Vorzeigeprojekt der Landesregierung, das beweisen soll: Baden-Württemberg hat ein Herz für Flüchtlinge. In Windeseile musste die Zollernalb-Kaserne umgebaut werden, zu Weihnachten werden sämtliche tausend Plätze belegt sein. Frank Maier hat auf alles ein Auge, für jeden Flüchtling ein freundliches Wort, hält Kontakt auch zu den Bürgern der Stadt. Er verkörpert das tagtägliche Bemühen, das Flüchtlingsproblem zu meistern, im Sinne aller Beteiligter. Und das ist oft nicht so einfach, wie es in Politikerreden klingt.

Veritabler Wutausbruch von Kretschmann

Ministerpräsident Winfried Kretschmann will sich daran messen lassen, wie gut seine Regierung die Aufnahme der Asylbewerber meistert. 26 000 sind es in diesem Jahr, doppelt so viele wie 2013. "Ein großer Dank an die kleine Stadt auf der Alb, Meßstetten war der Durchbruch", sagte diese Woche Integrationsministerin Bilkay Öney, als sie mit Kretschmann in Stuttgart eine Zwischenbilanz zog. Im Spätsommer war die bis dahin einzige Erstaufnahmestelle Baden-Württembergs in Karlsruhe hoffnungslos überlaufen. Dass sich die vermeintlich störrischen Älbler überzeugen ließen, Flüchtlinge aufzunehmen, dass sie rechten Hetzern nicht auf den Leim gingen, erleichterte Grün-Rot das Leben ungemein. Kretschmann und seine Ministerin berichteten nun über eine Erstaufnahmekapazität von bald 6000 Plätzen in sechs Städten, über Hilfen für die Städte und Kommunen, auf die die Flüchtlinge nach der Erstaufnahme verteilt werden. Über psychosoziale Betreuung, Sprachförderung, Arbeitsmarktintegration. Noch nicht erfüllt ist das Versprechen, tausend Frauen aufzunehmen, die im Nordirak von IS-Terroristen sexuell missbraucht wurden. Es dauert, diese Frauen zu identifizieren und die Ausreise zu organisieren. Man arbeite daran, sagt Kretschmann.

Wollte er mit dem Projekt vielleicht bloß PR-Punkte sammeln nach seinem umstrittenen Asylkompromiss im Bundesrat? Den Vorwurf findet Kretschmann "infam". In einem veritablen Wutausbruch empörte sich der Ministerpräsident über die Tendenz von Journalisten, Politikern stets taktische Motive zu unterstellen.

In jedem Fall gehört des zur Aufgaben der Politik, ihre Botschaften überzeugend zu verkaufen. Im Falle Meßstetten ist das gelungen. ARD und ZDF haben von der Alb berichtet, der SWR sendete am Mittwoch auf allen Kanälen. In der Tat ist bemerkenswert, was in Meßstetten bewegt wurde. Landrat und Bürgermeister unterstützten das Projekt vorbehaltlos, die Zahl der Helfer ist groß. Ehemalige Offiziere helfen in der Kaserne beim Sortieren der gespendeten Jacken, Hosen, Schuhe.

Lea heißt das erste Neugeborene

Manchmal wirkt die Aufmerksamkeit fast zu groß. Den Namen Lea, Abkürzung für "Landeserstaufnahmestelle", erhielt das erste Kind, das hier geboren wurde. Das gab schöne Schlagzeilen, aber die Resonanz war zwiespältig. Denn die Eltern der kleinen Lea sind Roma und stammen aus Serbien. Ob das wirkliche Flüchtlinge seien? Frank Maier wird von Meßstettenern immer wieder darauf angesprochen. Er erklärt dann geduldig, dass diese Menschen natürlich ein Recht haben, einen Asylantrag zu stellen, auch wenn die Westbalkanstaaten als sichere Herkunftsländer gelten. Dies ist immer noch ein heikles Thema für die Regierung Kretschmann. Von Flüchtlingsorganisationen wird sie dafür kritisiert, weil sie die Roma auch im Winter zurück nach Serbien schickt.

Das kleine Meßstetten müht sich nach Kräften, als Schauplatz der großen Politik eine gute Figur abzugeben. Natürlich drängen nicht alle ins "Asyl-Café", um Flüchtlinge kennenzulernen, natürlich gibt es Leute, die sich abfällig äußern. Als Wegweiser zur Lea mit Hakenkreuzen beschmiert worden waren, gab man sich in Stuttgart entsetzt. Bürgermeister Lothar Mennig erwiderte: Macht kein Drama daraus! Es gebe "unheimlich viele freiwillige ehrenamtliche Helfer". Die Stadt hat ihre eigenen Sorgen seit dem Abzug der Bundeswehr. Bis Ende 2016 werden Flüchtlinge in der Kaserne untergebracht, wie es dann weitergeht, weiß noch niemand. Die Rede ist von einem Gefängnis. Nichts gegen Flüchtlinge, aber ein Gefängnis bringt mehr Arbeitsplätze.