Außenansicht Perversion des islamischen Rechtsverständnisses

Ein Muslim liest im Koran.

(Foto: AFP)

Ja, es gibt Gewalt im Namen der Scharia - da hilft es auch nichts, wenn Muslime beteuern, dies hätte nichts mit dem Islam zu tun.

Gastbeitrag von Çefli Ademi

Neulich rief mich eine Jura-Professorin an und fragte: "Wären Sie so freundlich und würden mir ein Exemplar der Scharia zukommen lassen, vorzugsweise als PDF-Datei?" - "Ich befürchte, Ihr Rechner hat nicht genug Speicherkapazität", antwortete ich. Auch ihr Hinweis, sie habe zusätzliche externe Festplatten, konnte meine Zweifel nicht ausräumen.

Die Rechtswissenschaftlerin ging davon aus, die Scharia sei ein kodifiziertes Gesetzbuch. Das ist eine geläufige Annahme, die vor dem Hintergrund etwa des IS-Terrors zu nachvollziehbaren Ängsten führt, auch unter Muslimen. Ängste, die rechtspopulistische Parteien erfolgreich aufnehmen und instrumentalisieren, wie ihre Wahlerfolge belegen. Die Anti-Islam-Programmatik der AfD ist da nur ein Beispiel: Kurzerhand erklärt sie den Islam zur Ideologie und verheimlicht, dass ihr Verständnis vom Islam von der überwältigenden Mehrheit der Muslime abgelehnt wird.

Die Ängste vor solchen Islamwahrnehmungen werden aber nicht weniger, wenn Muslime beteuern, sie hätten nichts mit dem Islam zu tun. Selbstverständlich wirkt der Islam nicht selbst. Er ist nicht handlungsfähig. Das aber sind wir Muslime. Es genügt nicht, einfach darauf zu verweisen, dass die meisten Muslime friedliebend seien, aber auch still. Ebenso wenig überzeugen Schuldzuweisungen an die Weltmächte mit ihrer in der Tat höchst fragwürdigen Machtpolitik. Der Koran sieht in der reflexhaften Schuldzuweisung eine Eigenschaft des Teufels. Er verlangt vom Menschen Einsicht und Selbstkritik.

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Also: Ja, es gibt Gewalt im Namen der Scharia. Und nein, die Scharia gibt es nicht, sondern mehrere Scharia-Verständnisse, die sich naturgemäß auch aus den Lebensumständen speisen. Und wir Muslime müssen alles daransetzen, schöpfungsverachtende und realitätsfremde Narrative theoretisch und praktisch zu überwinden. Ich bin wie Navid Kermani davon überzeugt, dass sich solche Verständnisse weniger aus der Tradition des Islam speisen. Eher wirken sie wie ein Bruch mit ihr.

So zeichnete sich das traditionelle islamische Strafrechtsverständnis eben nicht durch drakonische Strafen aus, mit denen gegenwärtig der IS oder Staaten wie Saudi-Arabien auffallen. Körperstrafen waren damals in vielen Kulturen die Regel. Vielmehr bestach die islamische Strafrechtswissenschaft dadurch, dass sie präzise Voraussetzungen und nahezu unumstößliche strafprozessrechtliche Hürden geschaffen hatte.

Sie fügten sich etwa dem Islamrechtsprinzip, dass die "Gewissheit (Unschuld) nicht durch Zweifel (Verdacht) beseitigt werden kann" - das entspricht der heutigen Unschuldsvermutung im Strafprozess. Der Prophet hatte gewarnt, "lieber in der Milde oder im Freispruch zu irren, keinesfalls jedoch in der Strafe". Überhaupt ging es im überwältigenden Teil der traditionellen Scharia nicht ums Recht, schon gar nicht ums Strafrecht. Im Zentrum standen Moral und Ethik. "Ich wurde gesandt, um eure Moral zu vervollkommnen", sagte der Prophet. Umso tragischer erscheinen die heutigen Umdeutungen.