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Ausbildung:Langer Atem

Flüchtlinge in Unternehmen

Eine Reihe von Handwerksbetrieben bildet längst auch junge Flüchtlinge aus - hier eine Bäckerei in Ulm.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Was die bereits in den Jahren 2017/2018 erzielten Erfolge zur Integration junger Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt bedroht - vor und während der Corona-Krise.

Von Henrike Roßbach

Das "Wir schaffen das" der Kanzlerin nahm Björn Wiese persönlich. "Ick bin eher einer, der anpackt", sagt der Bäckermeister aus Eberswalde im schönsten Brandenburgisch. Schon 2016 stellte er die ersten zwei Flüchtlinge als Azubis ein. Heute haben acht seiner 60 Mitarbeiter einen Fluchthintergrund. Große Probleme, sagt Wiese, habe es nie gegeben, "jedenfalls keine, die wir nicht auch mit deutschen Azubis schon erlebt hätten". Haben "wir" es also geschafft? Zu 100 Prozent gehe das ja gar nicht, sagt Wiese, das sei schließlich alles ein Prozess. "Aber für uns als Unternehmen, dass wir die Menschen in Arbeit gebracht haben und brauchen können - das haben wir geschafft."

Integration hat viele Facetten, aber zweifellos ist das, worauf Bäckermeister Wiese abzielt, eine besonders bedeutsame: der Faktor Arbeit. Einen "langen Atem" brauche die Integration in den Arbeitsmarkt, heißt es in einer Fünf-Jahres-Bilanz der Bundesagentur für Arbeit. Ende 2019 lebten 1,8 Millionen Schutzsuchende in Deutschland; 62 Prozent Männer, 43 Prozent jünger als 25 Jahre. Ein Viertel hatte keine oder höchstens die Grundschule besucht; einen Hochschul- oder Berufsabschluss hatten 16 Prozent. Knapp 29 Prozent der Menschen aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern - Eritrea, Nigeria, Somalia, Afghanistan, Irak, Iran, Pakistan und Syrien - waren im Mai sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Mit Minijobs lag die Beschäftigungsquote bei gut 34 Prozent. Am erfolgreichsten waren Flüchtlinge aus Eritrea, am seltensten hatten Iraker und Syrer Arbeit. Wegen der oft fehlenden Qualifikation arbeiten Flüchtlinge häufig in Helferjobs und sind zusätzlich auf Grundsicherung angewiesen.

Vor allem 2017 und 2018 kamen viele Geflüchtete auf dem ersten Arbeitsmarkt unter. Danach aber geriet diese Entwicklung ins Stocken - und nun kommt die Corona-Krise hinzu: Drei Jahre lang sank die Arbeitslosenquote in der Gruppe der Geflüchteten gegenüber dem Vorjahr, seit April aber steigt sie wieder und lag im Mai bei fast 40 Prozent. Im Juli gab es in der Gruppe der Geflüchteten schon knapp 27 Prozent mehr Arbeitslose als im März. Auf dem Arbeitsmarkt insgesamt stieg die Arbeitslosigkeit zwar ebenfalls um fast 25 Prozent. Laut BA aber wiegen fehlende Sprachkenntnisse und Qualifikationen in "wirtschaftlich angespannten Zeiten" besonders schwer.

Welche Hürde die Sprache sein kann, hat auch Bäckermeister Wiese erlebt. Sein erster Azubi mit Fluchtgeschichte, Umair Masood aus Pakistan, hat gerade die praktische Prüfung als Bäckergeselle bestanden. An der Theorie aber ist er im ersten Anlauf gescheitert, genau wie zwei weitere Wiese-Azubis, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. "Die Sprache ist eine Barriere", sagt Wiese. Er hat die jungen Männer trotzdem behalten, zum vollen Gesellenlohn. "Die sind hier voll einsatzfähig im Unternehmen", sagt er. Später sollen sie es ein zweites Mal probieren. Derzeit versucht Wiese zu klären, ob die schiefgegangene Prüfung den Aufenthaltsstatus gefährdet.

Über Merkels "Wir schaffen das" unterhalte er sich oft mit einem Azubi aus Syrien, sagt er. "Wenn ich ihm einen Arbeitsauftrag erteile, dann sagt er: Wir schaffen das."

© SZ vom 04.09.2020

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