Atommüll:Strahlendes Experiment

Bürger sollen sich an diesem Wochenende mit der Endlagersuche befassen - bei einer Konferenz, die sie selbst organisiert haben. Ein Versuch, der auch schiefgehen kann.

Von Michael Bauchmüller

Kurz vor der großen Endlager-Konferenz steht noch einmal alles auf der Kippe. Vorigen Mittwoch tritt die Gruppe, die den Austausch vorbereitet, ein letztes Mal zusammen. "Ich finde, wir sollten die Veranstaltung heute noch absagen", meint einer. Was als Chance zur Mitsprache der Bürger gedacht war, drohe zu einer Vortragsveranstaltung zu verkommen. "Wie sollen wir da noch etwas Vernünftiges hinkriegen?" Am Ende entschließt sich die Gruppe zum Weitermachen: Augen zu und durch.

Es geht um Deutschlands größtes Umweltproblem, den Atommüll - und ein beispielloses Experiment: Bürger sollen bei der Suche nach einem Endlager nicht nur mitreden, sondern ihre Beteiligung auch selbst organisieren. Die Konferenz an diesem Wochenende ist der Auftakt: Wer will, redet mit. 1600 Bürgerinnen und Bürger haben sich angemeldet, um an der Debatte teilzunehmen. Wenn alles gutgeht, stehen am Ende viele wertvolle Hinweise für das weitere Suchverfahren eines geeigneten Lagers. Die virtuelle Konferenz könnte aber auch in ein zielloses Durcheinander münden, das Risiko ist nicht klein. "Eigentlich ein hoffnungsloses Unterfangen", sagt Nick Reimer, einer der zwölf ehrenamtlichen Organisatoren. Wenn es aber gelingt, wird es ein Musterbeispiel der Partizipation.

Seit vorigem September liegt ein erster Bericht zu möglichen Regionen vor, erstellt von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Mehr als die Hälfte der Republik findet sich darin, weil die Geologie dort theoretisch ein Atommüll-Lager zuließe - in Salzstöcken, Tonschichten oder Granitformationen. Es ist ein Neustart: Anders als beim gescheiterten Projekt Gorleben soll es einen gründlichen Vergleich geben. Immer weiter soll der Kreis der Orte eingeengt werden. Es wird Standorte geben, an denen gebohrt wird, um die Geologie näher zu erkunden. Bis 2031, so der Plan, soll der bestmögliche rauskommen, über den dann der Bundestag entscheidet. Und das alles mit ständiger Rückkopplung zum Bürger. Erstmals mit dieser Konferenz.

Virtuell lasse sich echte, faire Mitsprache nicht organisieren, sagen Umweltgruppen

Das Endlager-Gesetz verlangt diese Form der Rückkopplung. Wie man das genau macht, steht aber nicht drin. "Weil es auch niemand weiß", sagt Armin Grunwald, Physiker, Philosoph und Co-Chef des "Nationalen Begleitgremiums" zur Endlagersuche. "Wir wissen noch nicht einmal genau, wie wir messen, ob es funktioniert." In 22 Arbeitsgruppen sollen die Bürger sich einbringen, die Themen wurden per Aufruf gesammelt. Aber wird dort wirklich diskutiert? Wird es konkrete Forderungen geben oder nur ein ellenlanges Protokoll? Und wenn ja: welche? Das entscheidet ein Plenum, in Selbstorganisation. "Man muss es versuchen, um zu wissen, ob es geht", sagt Grunwald.

Schon greifen Umweltgruppen die Konferenz an: Virtuell lasse sich echte, faire Mitsprache nicht organisieren. Wirklicher Austausch komme nicht zustande. Bedenken, die Asta von Oppen teilen kann, immerhin kämpfte sie selbst 40 Jahre lang gegen das Projekt Gorleben. Trotzdem hat auch sie die Konferenz mitvorbereitet. "Die Frage ist doch, ob wir uns frühzeitig beteiligen oder nicht", sagt sie. Ob es gelingt? "Den Versuch ist es wert."

© SZ
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB