Asyl Hilferuf aus Masar-i-Scharif

Afghanische Ortskräfte (zu ihrer Sicherheit anonymisiert) protestieren vor dem Camp Marmal.

(Foto: German Local Employees Union)

Sie begeben sich in Lebensgefahr: Afghanen, die in ihrem Land als Ortskräfte für die Bundeswehr arbeiten. Schutz vom deutschen Staat erhalten aber trotzdem nur wenige.

Von Bernd Kastner

Sie protestieren vor dem Tor der Deutschen, aber kaum jemand nimmt sie wahr in Deutschland: Dutzende sogenannte afghanische Ortskräfte der Bundeswehr und anderer deutscher Ministerien stehen vor dem deutschen Camp Marmal in Masar-i-Sharif und fordern Schutz von ihrem ehemaligen Arbeitgeber, der Bundesrepublik. "Was wir von euch verlangen, ist unser Recht. Wir haben Ihre Missionen ermöglicht, dafür müssen Sie uns beschützen." Das haben die Demonstranten auf ein langes, schwarz-rot-goldenes Transparent geschrieben, man kann sich bei Facebook Videos des Protests ansehen. Und auf den deutschen Farben steht auch: "Sie haben uns wie Müll behandelt."

Deutschland habe eine "moralische Verpflichtung" zu helfen, kritisieren die Grünen

Der Dienst am Hindukusch, wo seit 2002 deutsche Soldaten stationiert sind, ist gefährlich. Das gilt für Soldaten, aber auch für die Ortskräfte, Einheimische, die etwa als Übersetzer, Wächter oder Köche für die Bundeswehr arbeiten oder für andere deutsche Ministerien. Sie erklären den Deutschen ihr Land, und ihren Landsleuten das Agieren der deutschen Kräfte. 576 Afghanen arbeiten derzeit für Berliner Ministerien, die meisten fürs Verteidigungsressort. Weitere 1300 lokale Mitarbeiter arbeiten für Institutionen, die im Auftrag des Entwicklungsministeriums tätig sind.

Viele Ortskräfte wurden und werden wegen ihrer Arbeit für die Bundesrepublik bedroht, auch mit dem Tod, vor allem von den wieder erstarkten Taliban. Um diesen Menschen zu helfen, gibt es das sogenannte Ortskräfteverfahren, über das die Mitarbeiter und ihre Familien Schutz in Deutschland finden können. Auf diesem Weg aber schafft es fast niemand mehr in die Sicherheit. Die Grünen kritisieren dies scharf, und auch Angehörige der Bundeswehr, die sich um Ortskräfte kümmern.

Etwa 740 Mitarbeiter mit 2370 Angehörigen haben laut Bundesregierung bisher Schutz gefunden in Deutschland, sie wurden konkret oder latent bedroht. Sie müssen nicht das Asylverfahren durchlaufen, sie erhalten humanitären Schutz. Bei der Prüfung der Gefährdung wende man "einen großzügigen Maßstab an", versicherte die Bundesregierung 2014.

Diese Großzügigkeit vermissen inzwischen die Grünen, sie kritisieren, dass das Ortskräfteverfahren fast zum Erliegen gekommen sei. Dies geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor. In diesem Jahr wurde bis September keine einzige Aufnahme nach Deutschland zugesagt, im gesamten Vorjahr waren es nur vier. Zugleich wurden seit Mitte 2017, als die deutsche Botschaft bei einem Anschlag stark beschädigt wurde, knapp 80 Schutzanträge abgelehnt. Dies zeige das "Desinteresse der Bundesregierung am Schicksal derer, die einen unerlässlichen Beitrag zur Arbeit und Sicherheit deutscher Soldatinnen und Soldaten leisten", kritisiert die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Luise Amtsberg. "Das ist schlicht beschämend." Dabei habe die Bundesrepublik den Ortskräften gegenüber "eine moralische Verpflichtung, sie zeitnah und unbürokratisch in Sicherheit zu bringen".

Auch jene melden sich mahnend zu Wort, die den Ortskräften ehrenamtlich helfen, wenn sie in Deutschland sind: "Ich habe ein anderes Verständnis von Solidarität gegenüber unseren ehemaligen Mitarbeitern", sagt Marcus Grotian, Hauptmann der Bundeswehr und Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte. "Durch die Unterstützung der deutschen Soldaten haben sie riskiert, zur Zielscheibe der Taliban zu werden und somit sich und ihre Familien wissentlich in Lebensgefahr begeben", betont er. "Dies taten sie, um die Demokratieentwicklung in Afghanistan wesentlich voranzubringen." Grotian denkt bei seiner Forderung nach Schutz für gefährdete Afghanen auch strategisch: Wie Deutschland mit seinen Mitarbeitern umgehe, spreche sich herum, nicht nur in Afghanistan. Die Bundesregierung sei bei allen Auslandseinsätzen auf die Hilfe von Einheimischen angewiesen: "Wenn der Ruf ruiniert ist," sagt er, "bekommen wir keine Ortskräfte mehr."

Derweil posten die protestierenden Ortskräfte auf Facebook, wie sie vor dem Camp Marmal frieren und was sie sich wünschen. Dass die deutschen Soldaten ihrer Regierung erklären, wie es zugeht in Afghanistan und welchen Beitrag die Einheimischen leisten im Kampf für Demokratie. Das Verteidigungsressort betont auf SZ-Anfrage, dass man sich seiner "Fürsorgepflicht bewusst" sei. Die mögliche Gefährdung werde individuell geprüft. In der Antwort an die Grünen erklärt die Regierung, dass das deutsche Kontingent "die Verbindung zu seinen ehemaligen Mitarbeitern mehrfach gesucht" habe; dabei sei das Ortskräfteverfahren erläutert worden. Die Demonstranten formulieren ihr Anliegen ganz einfach so: "Bevor es zu spät ist, tut etwas und schützt das Leben derer, die in eurem Krieg kämpfen."