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Asien:Lächeln trotz der Gräben

China, Japan und Südkorea haben in vielen Punkten Streit, wollen sich aber mehr zusammenraufen.

Dem Dreiergipfel folgte ein großer Presseauftritt in Chengdu, und bei dem bewiesen Chinas Premierminister Li Keqiang, Japans Regierungschef Shinzo Abe und Südkoreas Präsident Moon Jae-in, dass sie trotz aller Konflikte ein Bild der Eintracht hinkriegen. Die drei wichtigsten Volkswirtschaften Asiens wollen ein atomwaffenfreies Nordkorea, das war ihre Botschaft. Man werde die Verhandlungen zwischen den USA und Nordkorea für dieses Ziel gemeinsam unterstützen. Moon Jae-in sagte: "Wir sind einer Meinung, dass Frieden auf der koreanischen Halbinsel im allgemeinen Interesse der drei Länder liegt und haben beschlossen, zusammen zu arbeiten." Bekenntnisse zu Freihandel und Sport-Kooperationen gab es auch noch. Händeschütteln, Lächeln. Eintracht?

Vom Dreier-Gipfel in Chengdu ist ein ermutigendes Zeichen der Vernunft ausgegangen in diesen Zeiten der Unsicherheit. Dass die drei ungleichen Nachbarn sich zu dieser Erklärung zusammenrauften, deutet darauf hin, dass Nordkoreas jüngste Drohgebärden Eindruck machen und China das Temperament seines Verbündeten Kim Jong-un etwas bremsen will. Drei Treffen hatte Nordkoreas Staatschef bisher mit US-Präsident Donald Trump. Zwischenergebnis: Kim will sein Atomwaffenprogramm nicht aufgeben, er fordert mehr Zugeständnisse bei den UN-Sanktionen. Diverse Waffen hat Kim zuletzt testen lassen, auch ein "Weihnachtsgeschenk" hatte er angekündigt, falls die USA sich nicht bis Jahresende bewegen. Einen Atomraketentest? "Mal sehen", sagt Trump, "vielleicht ist es ja auch ein schönes Geschenk. Vielleicht schickt er mir eine wunderschöne Vase." China, Japan und Südkorea glauben nicht an Ziergeschirr vom Diktator. Also mahnen sie zusammen zum Dialog.

Viel mehr als ein Zeichen ist die Erklärung allerdings nicht. Wie tief die Gräben zwischen den drei Ländern sind, ist beim Gipfel nämlich auch deutlich geworden. Jeder traf jeden zu Zweiergesprächen, anschließend war klar: Es gibt noch viel zu tun, wenn es ein arbeitsfähiges Dreier-Bündnis geben soll. China würde gerne die Sanktionen gegen Nordkorea lockern, offenbar um Kim Jong-un ein Argument gegen den Atomwaffenabbau zu nehmen. Die US-Verbündeten Japan und Südkorea sind dagegen. "Es ist zu früh, die Sanktionen zu lockern. Der Standpunkt Japans schwankt nicht", sagte Naoki Okada, Abes Vize-Kabinettschef.

Immerhin, die Atmosphäre zwischen China und Japan war schon mal schlechter. Die Aussicht auf gewinnbringenden wirtschaftlichen Austausch scheint den Streit um die Senkaku-Inseln, die China Daioyu nennt und von Japan einfordert, in den Hintergrund gerückt haben. So sehr, dass Abe auch allgemeine Konfliktthemen ansprechen konnte, als er am Montag in Peking Chinas Präsidenten Xi Jinping traf: die Demonstrationen in Hongkong, den Umgang der chinesischen Regierung mit den Uiguren in Xinjiang. Okada sagte, dass Abe darüber gesprochen habe.

Die Staatskanzlei in Seoul hingegen musste eine chinesische Presseerklärung einfangen, wonach der liberale Moon Jae-in, ein früherer Menschenrechtsanwalt, im Gespräch mit Xi erklärt habe, dass die Probleme in Hongkong und Xinjiang Chinas innere Angelegenheiten seien. Ein Moon-Sprecher korrigierte: Xi habe gesagt, Hongkong und Xinjiang seien innere Angelegenheiten. Moon habe nur geantwortet: "Ist zur Kenntnis genommen."

Und ungelöst ist weiterhin das belastete Verhältnis zwischen Japan und Südkorea. In Chengdu hatten Abe und Moon das erste Gespräch seit 15 Monaten; wenn man jenen Elf-Minuten-Smalltalk nicht mitrechnet, der Anfang November bei einem Asien-Gipfel in Bangkok stattfand. Korea war von 1910 bis 1945 von Japan besetzt. Die koreanischen Vorwürfe aus dieser Zeit von Zwangsarbeit und Zwangsprostitution haben bis heute Kraft, obwohl Japan sie durch einen Vertrag von 1965 beigelegt haben will. Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs in Seoul hat Entschädigungsforderungen früherer Zwangsarbeiter an japanische Firmen für rechtens erklärt. Der rechtskonservative Abe ist empört. Japan verhängte straffere Kontrollen für manche Exporte nach Südkorea. Seoul regierte. Das Verhältnis wurde immer kühler.

In Chengdu sprachen Abe und Moon 45 Minuten. Eine Lösung gab es nicht. Abe schob die Schuld für die Missstimmung auf Koreas Obersten Gerichtshof und sagte: "Südkorea sollte die Initiative übernehmen und eine Lösung präsentieren." Moon sagte, für eine Lösung sei es "sehr wichtig, dass die zwei Staatschefs sich persönlich treffen". Mehr Zeit zusammen wurde vereinbart. Und so schloss auch das Japan-Südkorea-Gespräch wie der gesamte Dreier-Gipfel: mit der Absicht, sich gemeinsam um etwas zu bemühen, das noch lange nicht gefunden ist.

© SZ vom 27.12.2019

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