Arabischer Aufstand und Scharia Sehnsucht nach göttlicher Ordnung

Die arabische Revolution gibt den Demokraten Auftrieb - aber auch den Islamisten. Diese fordern die Scharia als seligmachende Alternative. Folgt der demokratischen Aufbruchstimmung der islamistische Abbruchbetrieb, in dem Frauen ausgepeitscht werden?

Von Tomas Avenarius, Kairo

Die Nebel der Tränengasgranaten über Kairos Tahrir-Platz hatten sich gerade erst gelegt, da waren sie auf einmal da: Bärtige Fundamentalisten und ihre vollverschleierten Frauen, die nach dem Sturz des Mubarak-Regimes durch junge demokratische Aktivisten plötzlich mehr Islam in Ägypten forderten und nach der Scharia riefen, dem islamischen Gesetz. Sie standen neben den gemäßigteren Islamisten von der Muslimbruderschaft: Modernisten, die einen angeblich weichen Islam anpreisen als Lösung aller ägyptischen Probleme.

Ein Maskierter peitscht eine Frau in Indonesien aus: Allein mit solchen Strafen verbindet man die Scharia häufig im Westen. Muslime verstehen die Scharia hingegen als Aufruf zu moralischem Verhalten

(Foto: AFP)

Voraussetzung für diesen "Islam light" sei, dass islamische Rechtsvorstellungen stärker Einzug hielten in der Gesetzgebung. Wird das Land am Nil also bald ein mehr oder minder islamischer Staat, in dem die Frauen noch mehr benachteiligt sind, Bekleidungsvorschriften gelten, Homosexuelle und Ehebrecher verfolgt sowie Wein und Bier verboten werden?

Das Hauptargument aller Islamisten ist: Ägypten ist ein islamisches Land, die Scharia unablöslicher Teil des Islam. Das religiöse Recht müsse daher Widerhall in der Verfassung - und damit auch im Alltagsrecht - finden. In den Augen von Demokraten, Säkularen und auch für die christliche Minderheit der Kopten stellt sich das Problem anders dar: Bekommt Äygpten nach Mubarak eine hieb- und stichfeste, demokratisch-weltliche Verfassung? Oder bleiben Schlupflöcher für Islamisten und ihre Rechtsvorstellungen offen?

Auch unter Präsident Hosni Mubarak war die Scharia in der Verfassung als "Quelle" des Rechts verankert. Mit dem halbherzigen Zugeständnis an die muslimische Mehrheit im Land blieb garantiert, dass säkulares und religiöses Recht sich wenigstens auf dem Papier nicht widersprachen. Mubarak hatte die Scharia aber weitgehend ausgebremst, ihr wie viele arabische Staaten nur noch im Erb- und Familienrecht Raum gegeben. Die damit einhergehende Benachteiligung der Frauen bei Scheidung und Erbe versuchte er mit Zusatzgesetzen auszugleichen - mit begrenztem Erfolg.

Vorentschieden wird über den Grad der Islamisierung Ägyptens mit den für Jahresende anstehenden Parlamentswahlen. Unter- und Oberhaus sollen die Verfassung auf Vordermann bringen. Einen Teilerfolg haben die Islamisten bereits errungen: Per Referendum hatten sie sichergestellt, dass das alte Grundgesetz nicht neu geschrieben, sondern nur überarbeitet wird. Damit steht den Scharia-Anhängern ein Tor offen.

Aber Scharia - egal in welcher Form sie im Recht Einzug hält - ist nicht immer gleich Scharia: Es gibt Rechtsschulen und Interpretationen, die Spielraum schaffen. Das göttliche Recht mag Vorschriften zusammenfassen, auch die brutalen Körperstrafen benennen. Die Scharia fußt aber zugleich auf der mit dem Glauben untrennbar verbundenen islamischen Ethik. Das lässt die moralischen Normen - und die dazugehörigen Strafvorschriften - mit dem Glauben kongruenter erscheinen, als es sich einem Nicht-Muslim erschließt.

"Scharia" meint für einen Muslim etwas anderes als für einen Nichtmuslim, der nur an das Abschlagen von Händen oder das Steinigen bei Ehebruch denkt. Muslime verstehen die Scharia erst einmal als göttliches Recht und als Aufruf zu moralischem Verhalten. Täten sie es nicht, müssten sie ihren ganzen Glauben aufgeben. Dennoch wünschen sich die wenigsten die Scharia in ihrer aus heutiger Sicht barbarischen Urform. Sie setzen aber auf islamisches Recht als Element einer modernen Rechtsprechung, als eine Art islamischen Leitfaden.