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Antisemitismus:Sorgenvolle Mienen reichen nicht

Antisemitismus

Solidaritätskundgebung an der Neuen Synagoge in Berlin nach dem Anschlag von Halle im vergangenen Herbst.

(Foto: dpa)

Judenfeindlichkeit ist in Deutschland wieder zum Alltagsphänomen geworden. Die Zahl der antisemitischen Straftaten steigt. Zu selten gibt es Widerspruch. Der Staat muss einschreiten.

Es waren die Tage des offiziellen Erschreckens und der sorgenvollen Mienen. Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur im vergangenen Oktober hörten die jüdischen Gemeinden in Deutschland Bekenntnisse, dass Antisemitismus hierzulande keinen Platz habe.

Das mögen ehrliche Versprechen gewesen sein, von Politikern in Abscheu über dieses Attentat und mit großer Sorge ausgesprochen, sie werden von vielen Bürgern getragen. Doch mit der Wirklichkeit in diesem Land hatten diese Versprechen nichts zu tun. Der Anschlag von Halle wurde zwar von einem Einzelnen verübt, war aber kein Einzelfall, sondern zeugte im Gegenteil von einer bedrohlichen Entwicklung.

Im vergangenen Jahr ist, wie die Welt am Sonntag berichtet, die Zahl der antisemitischen Straftaten in Deutschland um mehr als ein Zehntel gestiegen, um 13 Prozent auf rund 2000. Die Politik und die Bürger dieses Landes sollten sich dringend fragen, wo die Ursachen liegen, wo sie versagt haben und was sie gegen diese Entwicklung tun werden. Sorgenvolle Mienen reichen nicht. Und wer glaubt, bloß von Einzeltätern reden zu können, hat nichts verstanden und will vermutlich auch nicht verstehen.

Tatsächlich ist dieser dramatische Anstieg ein Zeichen dafür, dass sich etwas sehr zum Schlechten gewendet hat. Antisemitismus ist zu einem Alltagsphänomen geworden ist. Ein Alltag, in dem sich jüdische Schüler an manchen Schulen nicht mehr sicher fühlen, in dem jüdischen Sportvereinen bei Spielen an Wochenenden Hass begegnet, und in dem sich Juden in diesem Land fragen, wie offen sie ihr Judentum noch zeigen können, ohne in ernste Gefahr zu geraten.

Was hat sich geändert? Auch in den letzten Jahrzehnten, auch nach der Schoah, gab es Antisemitismus. Doch er kam von Gestrigen und Neonazis und fand selten bis nie eine größere Öffentlichkeit. Heute ist der Hass stärker verbreitet, weil er von Teilen der Gesellschaft hingenommen, sogar verstärkt wird. Es ist Teil der deutschen Normalität.

Wer gegen Juden hetzt, erfährt meistens zu wenig Widerspruch

Die Erinnerung an den Holocaust verblasst. Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretiker relativieren seine Bedeutung und schüren Ressentiments gegen Minderheiten. Das passiert nicht wie einst in abseitigen rechtsextremen Blättern. Der Tabubruch findet heute auf großer politischer Bühne statt oder im Internet, genährt durch etliche Unterstützer.

Die Grenzen des Tolerierbaren werden aufgelöst, als seien die Aussagen natürlicher Teil des politischen Diskurses. Antisemitische Parolen gehören, wie in diesen Tagen auf Demos zu sehen, zum Alltag. Auch das war so mal undenkbar. Zu selten gibt es Widerspruch; die Urheber bewegen sich in ihrer von Akzeptanz und Ermunterung geprägten Welt und sind für Fakten nicht zu erreichen.

Dennoch braucht man gegen Ressentiments vor allem Aufklärung. Es wird zu wenig getan, um Kinder und Jugendliche zu erreichen, bevor sich bei ihnen ein falsches Weltbild verfestigt. Wo Aufklärung aber an Grenzen stößt, müssen Sanktionen und Repression viel konsequenter eingesetzt werden - auf Demonstrationen, im Alltag, in der digitalen Welt.

Das jüdische Leben in Deutschland braucht den Schutz und den ganzen Einsatz des Staates. Das ist die Botschaft der erschreckenden Kriminalitätsstatistik: Ein sorgenvolles Gesicht reicht nicht, und sei es noch so gut gemeint.

© SZ vom 11.05.2020
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