bedeckt München 31°

Antisemitismus:Berliner sollen Kippa tragen

Jüdisches Gymnasium NRW

Zwei Jungen mit Kippa in Hamburg in der Talmud Tora Schule.

(Foto: dpa)
  • Die Jüdische Gemeinde Berlin ruft für Mittwoch, 25. April, zu der Aktion "Berlin trägt Kippa" auf.
  • Die Polizei in Berlin verzeichnet seit Jahren eine steigende Anzahl von antisemitischen Vorfällen.
  • Verlässliche Informationen über die Anzahl und Art der Angriffe zu bekommen, ist jedoch schwer.

Von Hannah Beitzer, Berlin

"Wir stehen alleine da": So überschrieb der Verein für Demokratische Kultur in Berlin 2015 einen Bericht über antisemitische Vorfälle in Deutschland. Alleingelassen fühlten sich Juden, die für ihre Religion angefeindet, beleidigt, angegriffen wurden. Alleingelassen, so der Vorwurf, von einer Öffentlichkeit, die sich für Antisemitismus wenig interessiere.

Hat sich seitdem etwas verändert? In immer kürzeren Abständen jedenfalls geraten Fälle von Antisemitismus ans Licht. Wie zuletzt in Berlin. Dort hatte ein junger Palästinenser einen Israeli attackiert, der eine Kippa trug. "Jahudi", das arabische Wort für "Jude" rief der Mann, während er mit einem Gürtel auf sein Opfer einschlug. Es ist einer von mehreren Fällen von Antisemitismus in der Hauptstadt, die in den vergangenen Monaten zu der Befürchtung geführt haben: Mit Kippa kann in Berlin niemand auf die Straße gehen.

Nun hat die Jüdische Gemeinde zu Berlin für Mittwoch, 25. April, zu einer Aktion aufgerufen: Berlin trägt Kippa. Die Bürger sollen mit Kippot auf dem Kopf ihre Solidarität mit den Opfern zeigen. "Nach dem jüngsten Angriff auf einen Kippa tragenden Israeli haben uns zahlreiche Solidaritätsbekundungen aus der Berliner Bevölkerung erreicht. Darunter waren auch Berliner, die vorgeschlagen haben, künftig aus Solidarität eine Kippa tragen zu wollen", sagte Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, dem Tagesspiegel.

Aktion "Berlin trägt Kippa"

Die Aktion ist insofern ungewöhnlich, als jüdische Religionsvertreter zuletzt davor gewarnt hatten, auf den Straßen von Berlin sichtbare Symbole des jüdischen Glaubens zu tragen. Nun aber sei eine Situation entstanden, "die wir nicht mehr bereit sind, widerstandslos hinzunehmen", sagt Joffe. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) wird der Ankündigung zufolge eine Rede auf der Veranstaltung vor dem Gemeindehaus Fasanenstraße halten, ebenso Vertreter der jüdischen Community.

Die Polizei verzeichnet seit Jahren einen Anstieg antisemitischer Angriffe, 2017 lagen ihr 288 Fälle vor. Noch höhere Zahlen ermittelte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) für 2017. Sie verzeichnete 947 Fälle, darunter allerdings auch solche, die nicht strafrechtlich relevant sind. Der Leiter der Recherchestelle, Benjamin Steinitz, spricht von einem "bedrohlichen Klima", das gerade die kleinen Beleidigungen, die andauernde Diskriminierung bei den Betroffenen auslöse. Viele Juden überlegten andauernd, in welchem Kontext sie sich überhaupt zu erkennen geben, sagte Steinitz der Süddeutschen Zeitung.

Verlässliche deutschlandweite Informationen über die Anzahl und Art der Übergriffe zu bekommen, ist schwer. Wer mit Betroffenen spricht, merkt schnell: Die Hemmschwelle, die Taten überhaupt anzuzeigen, ist hoch. Viele Juden wollen nicht als Opfer auftreten, erst recht nicht in Deutschland, wo stets die Erinnerung an den Holocaust mitschwingt - so lautet eine Interpretation. Zudem bemängeln Experten, dass die Polizei antisemitische Motive häufig nicht erkenne und die Taten entsprechend nicht richtig zuordne.

Muslime als Täter?

Und wer sind die Täter heute? Auch diese Frage ist schwer zu beantworten. Laut Polizeistatistik fallen die meisten Taten in den Bereich des Rechtsextremismus. Das wiederum bezweifeln Expertengruppen, die Opfer antisemitischer Übergriffe befragt haben. Denn da, so kritisierte etwa der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus, würden meist Menschen mit "muslimischem" Hintergrund als Täter genannt.

In diese Kategorie fallen auch viele der Fälle, die zuletzt für Aufregung sorgten. So beschimpften und schlugen arabisch- und türkischstämmige Schüler einen jüdischen Jungen an einer Berliner Schule so lange, bis dieser die Schule verließ. Ähnlich ging es einer jüdischen Grundschülerin, die Mitschüler mit dem Tod bedrohten. Die Schulen, so beklagten es die Eltern der Kinder, hätten hilflos auf das Mobbing reagiert, die Vorfälle heruntergespielt. Gut in Erinnerung sind Bilder von anti-israelischen Protesten Ende vergangenen Jahres, auf denen Demonstranten israelische Fahnen und Fahnen mit dem Davidstern verbrannten.

Viele Experten warnen jedoch davor, nur mehr von einem "importierten Antisemitismus" zu sprechen. Antisemitische Einstellungen seien in der ganzen Gesellschaft weit verbreitet und hätten in ganz Europa eine lange Tradition.

© SZ.de/hum

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite