Anschlag in Berlin Die mysteriöse Rolle eines V-Manns im Fall Amri

Terrorprozess gegen Hassprediger Abu Walaa: In einem Konvoi von Fahrzeugen mit Blaulicht werden die Angeklagten zum Oberlandesgericht Celle gefahren.

(Foto: dpa)
  • Am Dienstag wurde vor dem Oberlandesgericht in Celle der Prozess gegen Ahmad A. und vier seiner mutmaßlichen Komplizen eröffnet.
  • Der Vorwurf: Sie sollen mehrere junge Menschen radikalisiert und aus Deutschland zum IS geschleust haben.
  • Für die Anklage sind auch die Berichte des V-Mannes "Murat" die zentralen Beweismittel. Der Spitzel habe womöglich zu Anschlägen angestiftet.
Von Lena Kampf und Andreas Spinrath

Am 21. Dezember 2016, zwei Tage nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz, meldete sich in Duisburg ein Mann bei der Polizei. Er wolle Angaben zu dem Attentäter machen: Es handele sich um Anis Amri, den er Ende 2015 am Bahnhof in Duisburg kennengelernt habe. Er habe ihn auf Bildern erkannt. Was der Zeuge den Polizisten erzählte, ist erstaunlich detailreich, er wusste viel über Amri, der zu diesem Zeitpunkt noch auf der Flucht war. Sie hätten gemeinsam in Gebetsräumen in Duisburg und Dortmund gebetet, der Kontakt sei im Februar 2016 abgebrochen. Amri, so der Zeuge, sei dann nach Berlin gezogen - gefahren habe ihn ein Mann namens Murat, in einem Pkw mit Leverkusener Kennzeichen.

Der Zeuge warnte die Beamten des Polizeipräsidiums Duisburg: Gegen diesen Murat müsse dringend ermittelt werden, er sei radikal. Er habe immer wieder gesagt, dass man Anschläge in Deutschland verüben solle, dass man gute Männer brauche, die dazu in der Lage seien. Dem Zeugen sei das komisch vorgekommen, es habe etwas gespielt gewirkt. Ob Murat eventuell gar für die Polizei arbeitete?

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Die Aussage des Zeugen hat eine neue Bedeutung gewonnen

Der Zeuge ist einer von vielen Hinweisgebern, die sich nach dem Berliner Anschlag bei den Sicherheitsbehörden meldeten, doch seine Aussage hat nun eine neue Bedeutung gewonnen. Sie liegt SZ, WDR und NDR vor. Der Mann, vor dem der Zeuge warnt, arbeitete tatsächlich für die Polizei. "Murat" ist sein Tarnname. Beim LKA in Nordrhein-Westfalen wird er als VP01 geführt, eine Vertrauensperson, ein vom Staat bezahlter Informant. Monatelang hat er aus dem wichtigsten deutschen Islamistennetzwerk berichtet und dabei wohl sein Leben riskiert: Er war ganz nah dran am mutmaßlichen Kopf, dem Prediger Ahmad A. alias Abu Walaa, den die Bundesanwaltschaft für die Nummer eins des IS in Deutschland hält.

Am Dienstag wurde vor dem Oberlandesgericht in Celle der Prozess gegen Ahmad A. und vier seiner mutmaßlichen Komplizen eröffnet. Der Vorwurf: Sie sollen mehrere junge Menschen radikalisiert und aus Deutschland zum IS geschleust haben. Auf der Anklagebank sitzen auch Hasan C. und Boban S., bei denen der Zeuge vom 21. Dezember regelmäßig mit Anis Amri gebetet haben will und die den späteren Attentäter zwischenzeitlich beherbergten. Für die Anklage sind neben den Angaben eines Aussteigers die Berichte von "Murat" die zentralen Beweismittel.

Verteidiger von Ahmad A.: "Murats" Rolle müsse näher beleuchtet werden

Im Gerichtssaal hat der Verteidiger von Ahmad A. bereits versucht, die Glaubwürdigkeit des V-Mannes zu erschüttern. "Murats" Rolle müsse näher beleuchtet werden, erwiderte Rechtsanwalt Peter Krieger am Dienstag auf die Anklageverlesung der Bundesanwaltschaft. Der Spitzel habe nicht nur berichtet, sondern womöglich selbst zu Anschlägen angestiftet. Das LKA wollte sich nicht zu seiner V-Person äußern. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe führt die Ermittlungen gegen Ahmad A., eine Sprecherin kommentierte die Vorwürfe des Anwalts ebenfalls nicht.

Die Zeugenaussage vom 21. Dezember 2016 nährt Zweifel an der Rolle von "Murat". Mit seiner Tätigkeit als V-Mann bewegt er sich ohnehin in einer juristischen Grauzone - sollte er als Agent Provocateur aufgetreten sein, umso mehr: Um Angestiftete zu überführen, darf ein vom Staat bezahlter Informant Straftaten provozieren, aber nur dann, wenn sie bereits zu einer solchen Tat entschlossen waren. Über Amri hatte "Murat" den Behörden zunächst berichtet, dass das Netzwerk um den Prediger Ahmad A. dessen Ausreise zum IS vorbereitete. Später erzählte er der Polizei dann von Anschlagsplänen Amris in Deutschland. Die Verteidigung stellt nun die Frage, ob dieser Sinneswandel womöglich mit dem V-Mann zu tun hat.

"Murat" ist schon lange für die Polizei im islamistischem Spektrum im Einsatz, er wird als glaubwürdig eingestuft. Es ist fraglich, ob er im Prozess in Celle befragt werden kann, er könnte von den Behörden als Zeuge gesperrt werden. Aus Sicherheitsgründen.

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