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Angriffe auf Flüchtlinge:Imaginäre Bedrohung und der Kampf gegen die Schwachen

Dabei muss die Gefahr nicht einmal real sein. Schon das Gefühl der Bedrohung reicht, damit manche Menschen versuchen, über Gruppenzugehörigkeiten Sicherheit zu gewinnen. Es kann dadurch ein "kollektives Bedrohungsgefühl entstehen", sagt etwa Andreas Zick vom Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. "Eine Stimmung, die man mit anderen teilt." Zugleich neigen verängstigte Bürger dazu, sich andere Gruppen zu suchen, in die ein Bedrohungspotenzial projiziert werden kann. Wie Untersuchungen der Sozialwissenschaftler zeigen, sind das dann meist Gruppen, die noch schwächer sind oder noch weniger Einfluss haben als man selbst.

Dazu gehört zum Beispiel die Minderheit der Muslime in Deutschland und Europa, durch die angeblich eine Islamisierung der westlichen Gesellschaften droht. Oder die Flüchtlinge, von denen so viele zu uns kommen, dass Deutschland ihre Aufnahme angeblich nicht mehr verkraftet. Und die sich etwa aufgrund von Merkmalen wie der ethnischen Zugehörigkeit besonders leicht pauschal als anders, als fremd ausgrenzen und diffamieren lassen.

"Wir sind das Volk" gegen die Identitätskrise

Solche Gruppen sind, wie der Philosoph Byung-Chul Han von der Berliner Universität der Künste in der SZ geschrieben hat, ein imaginärer Feind, den sich Menschen, die sich abgehängt fühlen, konstruieren, um die Verantwortung für ihre Probleme nicht bei sich selbst suchen zu müssen. Sie externalisieren ihre Angst, indem sie sie auf einen imaginären Feind beziehen. "Hier ist wieder die Logik des Sündenbocks am Werk", so Byung-Chul Han. Mit dem Anspruch "Wir sind das Volk" kämpfen diese Menschen gegen ihre eigene Identitätskrise. "Der imaginäre Feind holt sie ins Sein zurück". Und zwar umso leichter, je weniger sie von den Flüchtlingen tatsächlich wissen.

Von einer Identitätskrise der Menschen als Christen, Europäer oder Deutsche spricht auch der französische Sozialwissenschaftler Olivier Roy vom Europäischen Hochschulinstitut im italienischen Fiesole. Die "feindselige Abgrenzung zum Islam" etwa ist ihm zufolge ihr Weg, sich ein imaginäres christliches Europa zu konstruieren.

Verstärkt werden diese Prozesse durch Neonazis und Rechtsextreme. Deren rechte Blut-und-Boden-Ideologie teilen viele Menschen gar nicht, die sich von Flüchtlingen bedroht fühlen. Aber im Widerstand gegen eine angeblich drohende Überfremdung gibt es zwischen ihnen eine Gemeinsamkeit, die die Rechten zu nutzen wissen, um die "Vorstellung einer völkischen Ideologie" zu verstärken, wie das BKA warnt.