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Albtraum Staatssicherheit:"Die Ungewissheit war grausam"

sueddeutsche.de: Was haben Sie da gefühlt?

Bomberg: Ich habe existenzielle Angst gespürt. Vor allem das Strafmaß war unklar: Muss ich zwei Jahre sitzen, drei oder fünf Jahre? Bei staatsfeindlicher Hetze war das Strafmaß ja nach oben hin fast offen. Die Ungewissheit war grausam. Ich fühlte mich ohnmächtig. Das hat auch etwas von mir zerbrochen. Es gab Phasen, in denen ich zu mir sagte: 'Hättest du nicht lieber still sein können?' Aber dann auch wieder: 'Nein, es gibt neben den guten Dingen auch diese Probleme in der DDR.' So war ich jeden Tag mit mir im Gespräch.

sueddeutsche.de: Wie haben Sie diese schwere Zeit überstanden?

Bomberg: Ich durfte zum Glück gute Bücher lesen - Tolstoi, Dostojewski und sogar ein Buch von Hemingway war dabei! Nach wochenlangem Bitten konnte ich auch meine Yoga-Übungen machen. Das hat ein bisschen geholfen. Sonst gab es nicht viel zu tun. Ich saß den ganzen Tag in der Zelle. Dort gab es kein natürliches Licht. Ich konnte das Fenster nicht öffnen, die Luft war stickig. Nur einmal am Tag durfte ich für 20 Minuten raus - und in einem Käfig Runden laufen. Dann ging es zurück in die Zelle. Dieser Moment war schlimm: Da hatte ich kurz den Himmel gesehen und dann war wieder alles zugezogen.

sueddeutsche.de: Was hat Ihnen Hoffnung gemacht?

Bomberg: Die Gedanken an meine Familie und an meine Freunde. Ansonsten dachte ich nur: Was ich gesagt und gesungen habe, war die Wahrheit. Und es muss doch möglich sein, die Wahrheit zu sagen! Nach drei Monaten kam ich plötzlich wieder frei. Geholfen hatte der Protest der Kirche in der DDR und einiger Künstler. Es gab auch Medienberichte in Westdeutschland über mich.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielen Ihre persönlichen Erfahrungen für die Therapie Ihrer Patienten heute?

Bomberg: Viele Patienten sind sehr misstrauisch, fühlen sich noch heute von ihren Peinigern verfolgt. Die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg meiner Arbeit ist aber Vertrauen. Man könnte fast sagen, dass die Erlebnisse aus der Vergangenheit verbinden. Da tauchen im Gespräch bestimmte Bilder auf. Das hilft oft, um den Patienten besser zu verstehen. Aber ich muss trotzdem Abstand halten, sonst kann ich nicht helfen.

sueddeutsche.de: Bei öffentlichen Auftritten als Arzt oder Liedermacher legen Sie beim Thema Staatssicherheit regelmäßig den Finger in eine offene Wunde. Wie geht das Publikum damit um?

Bomberg: Grundsätzlich positiv, aber es gibt schon Leute, die mich als Nestbeschmutzer bezeichnen. Ich schaue dann immer, warum sie das so schwarz-weiß sehen. Ich sage ja nie: Alles war schlecht in der DDR! Aber ich sage auch nicht: Alles war gut! Es gab Schlechtes und Gutes. Bei den Menschen gibt es da noch viele wunde Punkte. Da können die Reaktionen auch harsch ausfallen. Daran habe ich dann manchmal auch ganz schön zu knabbern.

sueddeutsche.de: Wer hilft Ihnen, wenn es mal zu schwer wird?

Bomberg: Die Musik. Das Singen, das Gitarrenspiel. Und dann blas ich ja auch noch Trompete, um mich abzureagieren, ein Ventil zu haben. Das hilft, das ist auch Selbsttherapie.

© sueddeutsche.de/plin

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