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Albtraum Staatssicherheit:"Ich habe existenzielle Angst gespürt"

Karl-Heinz Bomberg saß 1984 in einem Stasi-Gefängnis ein - heute hilft der Psychotherapeut Personen, die unter den Folgen des Staatsterrors leiden.

Marcel Burkhardt

Dr. Karl-Heinz Bomberg, Jahrgang 1955, saß 1984 in einem Stasi-Gefängnis ein. Heute arbeitet er in Berlin als Dozent für Psychotherapie und führt im Bezirk Prenzlauer Berg eine Praxis. Als Musiker hat er zahlreiche Konzerte im In- und Ausland gegeben. Von ihm erschien zuletzt das Album "Hoffnung".

Karl-Heinz Bomberg

(Foto: Foto: Marcel Burkhardt)

sueddeutsche.de: Herr Bomberg, mit welchen Beschwerden kommen die Patienten in Ihre Praxis?

Karl-Heinz Bomberg: Die Beschwerden sind vielfältig - Ängste, Depressionen, Albträume. Viele leiden an Nachhall-Erinnerungen. Das heißt, sie werden bestimmte Bilder und Gerüche aus ihrer Haftzeit nicht mehr los. Die Patienten sind in einer Endlosschleife gefangen und durchleben die Auseinandersetzungen mit dem Personal der Staatssicherheit immer und immer wieder.

sueddeutsche.de: Wie können Sie als Psychotherapeut konkret helfen?

Bomberg: Ehemalige politische Häftlinge wollen vor allem politische, gesellschaftliche Anerkennung. An Therapie denken sie zunächst nicht. Ich muss ihnen zeigen, dass sie sich nicht allein herumquälen müssen.

sueddeutsche.de: Können Sie die seelischen Qualen abstellen?

Bomberg: Die Therapie kann das Leid der psychisch Traumatisierten lindern. Wir nähern uns schrittweise dem Trauma, sprechen über die Gefängniszeit des Patienten. Wenn sie stabil genug sind, besuchen sie auch noch einmal das ehemalige Gefängnis und nehmen Einsicht in ihre Stasi-Akten.

sueddeutsche.de: Begleiten Sie die Patienten in die Stasi-Gefängnisse?

Bomberg: Nein, ich bereite sie aber darauf vor. Danach sprechen wir über ihre Erlebnisse. Die Patienten sollen lernen, die Brüche in ihrem Leben zu kitten.

sueddeutsche.de: Lässt der Therapiebedarf 20 Jahre nach dem Mauerfall langsam nach?

Bomberg: Im Gegenteil! Seit einiger Zeit steigt die Zahl der ehemaligen politischen Häftlinge unter meinen Patienten deutlich an. Es sind ältere Menschen, die über viele Jahre alles weggedrückt haben. Im Alter wird ihr mentaler Schutzpanzer dünner. Bei Stasi-Opfern reicht manchmal eine bunte Fernsehshow über die DDR und der ganze Dreck kommt wieder hoch. Und wir reden hier nicht von Einzelfällen: Nach seriösen Schätzungen leiden zirka 100.000 ehemals Inhaftierte unter Haftfolgeschäden, jeder Zweite davon ist chronisch krank.

sueddeutsche.de: Als junger Mann hatten Sie selbst große Probleme mit der DDR-Geheimpolizei. Weshalb?

Bomberg: Ich hatte gesellschaftskritische Lieder gesungen. Ich wollte einen besseren, demokratischeren Sozialismus. Die DDR empfand ich als geschlossene Gesellschaft, das wollte ich ändern. Ich wollte das Recht, meine Meinung frei äußern zu können, freie Wahlen, freie Reisemöglichkeiten, freien Zugang zu Literatur und Medien. Der Vorwurf an mich lautete dann: staatsfeindliche Hetze. Dafür konnte es mehrere Jahre Haft geben.

sueddeutsche.de: Wie ist der Konflikt eskaliert?

Bomberg: Im Herbst 1982 bekam ich ein Spielverbot als Liedermacher. Ich durfte nicht mehr öffentlich singen. Der Grund für meine Inhaftierung war, dass ich ein Band mit meinen Liedern an westliche Musiker weitergeben wollte. Die Kontaktfrau hat für die Stasi gearbeitet. Das war mein Pech.

sueddeutsche.de: Welche Erfahrungen haben Sie dann mit der Staatssicherheit gemacht?

Bomberg: Zu Beginn der Untersuchungshaft stand ich nackt vor den Stasi-Leuten und war nur noch eine Nummer. Die plötzliche Schutzlosigkeit hat mich schockiert. Die Stasi hat dann einen psychologischen Krieg gegen mich geführt. Ihr Ziel: Ich sollte mich selbst als Staatsfeind beschreiben. Mein Anwalt hat - wie ich später erfuhr - auch für die Stasi gearbeitet. Ich war also allein dort.

sueddeutsche.de: Wie haben sich die Vernehmer Ihnen gegenüber verhalten?

Bomberg: So auf eine vertrauliche Art und Weise: 'Ach ja, Sie können uns doch sagen, was Sie gemacht haben.' Um dann aber wieder zuzuschlagen: 'Wenn Sie nicht aussagen, dann laufen Sie Gefahr, dass Sie nicht wieder als Arzt arbeiten können! Oder dann laufen Sie Gefahr, dass die Familie bedrängt wird!' Ich hatte zwei kleine Kinder und eine Frau.

Lesen Sie auf Seite 2, was Bomberg im Stasi-Gefängnis Hoffnung gab - und welche Rolle die persönlichen Erfahrungen heute für die Therapie seiner Patienten spielen.

"Die Ungewissheit war grausam"

sueddeutsche.de: Was haben Sie da gefühlt?

Bomberg: Ich habe existenzielle Angst gespürt. Vor allem das Strafmaß war unklar: Muss ich zwei Jahre sitzen, drei oder fünf Jahre? Bei staatsfeindlicher Hetze war das Strafmaß ja nach oben hin fast offen. Die Ungewissheit war grausam. Ich fühlte mich ohnmächtig. Das hat auch etwas von mir zerbrochen. Es gab Phasen, in denen ich zu mir sagte: 'Hättest du nicht lieber still sein können?' Aber dann auch wieder: 'Nein, es gibt neben den guten Dingen auch diese Probleme in der DDR.' So war ich jeden Tag mit mir im Gespräch.

sueddeutsche.de: Wie haben Sie diese schwere Zeit überstanden?

Bomberg: Ich durfte zum Glück gute Bücher lesen - Tolstoi, Dostojewski und sogar ein Buch von Hemingway war dabei! Nach wochenlangem Bitten konnte ich auch meine Yoga-Übungen machen. Das hat ein bisschen geholfen. Sonst gab es nicht viel zu tun. Ich saß den ganzen Tag in der Zelle. Dort gab es kein natürliches Licht. Ich konnte das Fenster nicht öffnen, die Luft war stickig. Nur einmal am Tag durfte ich für 20 Minuten raus - und in einem Käfig Runden laufen. Dann ging es zurück in die Zelle. Dieser Moment war schlimm: Da hatte ich kurz den Himmel gesehen und dann war wieder alles zugezogen.

sueddeutsche.de: Was hat Ihnen Hoffnung gemacht?

Bomberg: Die Gedanken an meine Familie und an meine Freunde. Ansonsten dachte ich nur: Was ich gesagt und gesungen habe, war die Wahrheit. Und es muss doch möglich sein, die Wahrheit zu sagen! Nach drei Monaten kam ich plötzlich wieder frei. Geholfen hatte der Protest der Kirche in der DDR und einiger Künstler. Es gab auch Medienberichte in Westdeutschland über mich.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielen Ihre persönlichen Erfahrungen für die Therapie Ihrer Patienten heute?

Bomberg: Viele Patienten sind sehr misstrauisch, fühlen sich noch heute von ihren Peinigern verfolgt. Die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg meiner Arbeit ist aber Vertrauen. Man könnte fast sagen, dass die Erlebnisse aus der Vergangenheit verbinden. Da tauchen im Gespräch bestimmte Bilder auf. Das hilft oft, um den Patienten besser zu verstehen. Aber ich muss trotzdem Abstand halten, sonst kann ich nicht helfen.

sueddeutsche.de: Bei öffentlichen Auftritten als Arzt oder Liedermacher legen Sie beim Thema Staatssicherheit regelmäßig den Finger in eine offene Wunde. Wie geht das Publikum damit um?

Bomberg: Grundsätzlich positiv, aber es gibt schon Leute, die mich als Nestbeschmutzer bezeichnen. Ich schaue dann immer, warum sie das so schwarz-weiß sehen. Ich sage ja nie: Alles war schlecht in der DDR! Aber ich sage auch nicht: Alles war gut! Es gab Schlechtes und Gutes. Bei den Menschen gibt es da noch viele wunde Punkte. Da können die Reaktionen auch harsch ausfallen. Daran habe ich dann manchmal auch ganz schön zu knabbern.

sueddeutsche.de: Wer hilft Ihnen, wenn es mal zu schwer wird?

Bomberg: Die Musik. Das Singen, das Gitarrenspiel. Und dann blas ich ja auch noch Trompete, um mich abzureagieren, ein Ventil zu haben. Das hilft, das ist auch Selbsttherapie.

© sueddeutsche.de/plin

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