Aktuelles Lexikon Clochard

Angesicht von Notre-Dame zeigen Obdachlose in Paris ihren Unmut.

Von Karin Janker

Als abwertende Bezeichnung für Obdachlose wird der Begriff "clochard" im Französischen heutzutage immer weniger verwendet. Dennoch verströmt er gleichzeitig noch immer das Odeur vom romantischen Stadtstreicher, der unter den Seine-Brücken in Paris lebt, und in der Stadt der Liebe, noch so ein Klischee, der bürgerlichen Existenz den Rücken gekehrt hat. Über die Wortherkunft gibt es widerstreitende Theorien: Entweder leitet es sich vom Verb "clocher" ab, zu Deutsch "hinken", oder aber von "cloche", der Glocke, nach deren Läuten die Bettler auf dem Markt aufheben durften, was zu Boden gefallen war. Die Populärkultur verklärt den Clochard mitunter als Lebenskünstler, er tritt in Filmen wie in der Literatur auf. Der Schriftsteller Georges Simenon sagte einmal, er empfände "den Zustand des Clochards nahezu als einen Idealzustand", denn der Clochard sei ein "vollkommenerer Mensch". Dieses Gefühl der Erhabenheit teilen womöglich nicht alle der geschätzt 3600 Obdachlosen von Paris. Einige von ihnen sind sichtlich verärgert darüber, wie schnell die nötigen Millionen Euro zusammenkommen, um einer Kirche ein Dach zu spendieren, das sie seit Langem vermissen. Ihren Unmut zeigten Mitglieder einer Obdachlosenvereinigung am Wochenende vor der ausgebrannten Kathedrale Notre-Dame.