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Afrika:Ein Kontinent als pauschales Risiko

Coronavirus - Südafrika

Ein Patient, der an Covid-19 erkankt ist, wird im Tshwane District Hospital in Pretoria, Südafrika, behandelt.

(Foto: Jerome Delay/dpa)

Die Corona-Lage gilt aus deutscher Sicht in fast allen afrikanischen Ländern als zu gefährlich. Einige haben aber offenbar weniger Infektionen als europäische Staaten.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Jeden Nachmittag verkündet das Gesundheitsministerium von Ruanda die neusten Zahlen zur Corona-Pandemie in den sozialen Netzwerken: Nur 1655 bestätigte Fälle verzeichnet das Land in Ostafrika bisher, fünf Menschen sind verstorben, ein Anteil von etwa 0,3 Prozent der Infizierten. Ein Wert, der weit unter dem in Deutschland liegt. Hier sterben etwa fünf Prozent der bekannten Fälle. Dennoch führt das Robert-Koch-Institut in Berlin (RKI) Ruanda auf seiner Liste von Risikogebieten.

Etwa 130 Länder stehen auf der Liste, von den USA bis Saudi-Arabien. Der afrikanische Kontinent ist fast komplett vertreten, obwohl kaum eine andere Weltregion so wenig Fälle zu verzeichnen hat, derzeit etwa 750 000 Infizierte in 54 Ländern mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Afrika hat damit gerade mal ein Drittel so viel Infektionen zu verzeichnen wie Brasilien. Die Todesrate ist so gering wie sonst kaum auf der Welt, im Verhältnis sterben etwa zwei Prozent der bekannten Infizierten - in Belgien sind es 16 Prozent. Dennoch gelten fast alle Staaten Afrikas als Risikogebiete.

"Die Risikowahrnehmung der immerhin 54 Länder des Kontinents ist in Deutschland häufig noch recht undifferenziert. Pauschal-Einstufungen der Bundesregierung in der jetzigen Krisensituation helfen da natürlich nicht weiter", sagt Stefan Liebing, der Vorsitzende des Afrika-Vereins der Deutschen Wirtschaft der SZ. Zwar steigen die Zahlen auch auf dem afrikanischen Kontinent weiter, verzeichnen Länder wie Südafrika und Nigeria deutliche Zuwächse der Infektionen, "es gibt aber auch zahlreiche Länder, die von der Krise bislang relativ verschont geblieben sind. Und selbst innerhalb der Länder unterscheidet sich die Situation je nach Region." Viele Mitglieder des Afrika-Vereins seien große Unternehmen, sagt Liebig, welche die Gesamtlage gut abschätzen könnten, "aber der Mittelständler, der vielleicht über die Verlagerung seiner Produktion oder den Handel nach Afrika nachdenkt, der wird von den pauschalen Einstufungen eher abgeschreckt".

In Togo stecken sich offiziell je 100 000 Einwohner 0,8 Personen mit dem Virus an

Bereits im April warnten afrikanische Intellektuelle in einem offnen Brief vor pauschalen Schreckensszenarien für den Kontinent, vor Aussagen wie der von Bill Gates. Der warnte im Februar, Corona könnte bei einer ungebremsten Verbreitung in Afrika bis zu zehn Millionen Tote verursachen: "Katastrophenszenarien, die für den gesamten Kontinent in Betracht gezogen werden, könnten sich de facto negativ auf Volkswirtschaften und Risikobewertungen auswirken, die schon vor Covid-19 für Afrika im Allgemeinen ungünstig waren." Das Katastrophenszenario als eine Art sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Ausschlaggebend für die Liste ist zunächst einmal die Zahl der Neuinfektionen innerhalb einer Woche; liegt sie über 50 Personen pro 100 000 Einwohner, wird ein Land grundsätzlich auf die Liste gesetzt. Im westafrikanischen Togo liegt die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen bei 0,8 Personen. Zwar testet das Land weit weniger als Staaten in Europa, aber selbst wenn man annimmt, das die wahre Infektionszahl 20-mal höher ist, läge Togo noch unter dem Richtwert. Und unter den Neuinfektionen im bayerischen Landkreis Coburg. Was also macht Togo so gefährlich? Das Robert-Koch-Institut, auf dessen Webseite die Risikobewertungen stehen, verweist auf das Auswärtige Amt, das für die Zusammenstellung die Federführung habe.

Dort heißt es, die Risikobewertung bemesse sich am Gesamtbild der quantitativen und qualitativen Kriterien im jeweiligen Land; dies umfasse das aktuelle Infektionsgeschehen, aber unter anderem auch die generelle Ausstattung des Gesundheitssystems, die bestehenden Testmöglichkeiten vor Ort und die ergriffenen Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie.

Warum Ruanda und Togo auf der Risikoliste stehen, kommentiert das Auswärtige Amt nicht, lediglich, dass auch die Lageeinschätzungen der Botschaften in die Entscheidung einfließen.

Reisende, die aus einem Land kommen, das als Risikogebiet eingestuft wird, müssen sich je nach Regelung der einzelnen Bundesländer einer "Pflicht zur Absonderung" unterwerfen, also in Quarantäne gehen. Größer ist womöglich der Imageschaden für das jeweilige Land, das trotz großer Bemühungen im Kampf gegen Corona auf der Liste landet. In der Schweiz scheinen die Behörden differenzierter auf afrikanische Länder und den Rest der Welt zu blicken. Auf der Liste des Bundesamtes für Gesundheit finden sich nur drei Länder: Südafrika, Eswatini und die Kapverden.

© SZ vom 23.07.2020

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