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Afghanistan:Zwei Professoren gegen drei Taliban

Afghanistans Regierung will mit einem Gefangenenaustausch die Friedensgespräche wiederbeleben.

Die afghanische Regierung will drei inhaftierte Taliban-Führer freilassen - im Austausch gegen zwei von den Islamisten verschleppte westliche Professoren. Dies gab Präsident Aschraf Ghani in Kabul bekannt. Bei den inhaftierten Taliban handelt es sich um Mitglieder der Führungsebene, unter anderem um Anas Hakkani, den jüngeren Bruder des Anführers des Hakkani-Netzwerks und einer der Vize-Chefs der Taliban. Die von den Taliban gefangen gehaltenen Wissenschaftler sind ein US-Amerikaner und ein Australier, die 2016 in Kabul entführt worden waren.

Da der Gesundheitszustand der Professoren sich verschlechtert habe, sei seine Regierung zu diesem Schritt bereit. Es gehe dabei aber auch darum, "die Möglichkeit für direkte Gespräche mit den Taliban zu schaffen", wie Ghani betonte. Der Staatschef signalisiert damit erneut: Er ist bereit, den Taliban weit entgegenzukommen, um den 18 Jahre alten Krieg zu beenden.

Dass der Gefangenaustausch jetzt stattfindet, hat wohl auch mit den berüchtigten Tweets von Donald Trump zu tun. Der US-Präsident hatte die bilateralen Gespräche der USA mit den Taliban im September nach dem Tod eines US-Soldaten in Afghanistan über seinen bevorzugten Kommunikationskanal Twitter für beendet erklärt und so monatelange diplomatische Kärrnerarbeit zunichte gemacht. Trumps Sondergesandter Zalmay Khalilzad hatte mehrfach mit den Taliban im katarischen Doha zusammengesessen, um über einen bilateralen Deal zwischen Washington und den Islamisten zu verhandeln.

Washington weiß längst, dass die Taliban militärisch nicht besiegt werden können

Schwachpunkt der von Trump kurzerhand zum Kollaps gebrachten Gespräche war indes, dass die afghanische Regierung auf Druck der Taliban nicht daran beteiligt war. Khalilzad bemüht sich seither darum, den Prozess wieder in Gang zu bringen, weil sich sowohl die westliche Staatengemeinschaft als auch weite Teile der afghanischen Regierung einig sind: Die Taliban sind militärisch nicht zu besiegen, der Krieg muss am Verhandlungstisch beendet werden. Um Trump umzustimmen und die diplomatischen Bemühungen wieder aufnehmen zu können, muss Khalilzad dem Präsidenten aber einen guten Grund liefern können - wie etwa die Freilassung eines Amerikaners aus der Haft der Taliban. So ist es kein Zufall, dass Khalilzad jüngst für Gespräche mit der Führung in Kabul war. Ghanis Sprecher Sidiq Siddiqi bestätigte der SZ, der Gefangenenaustausch erfolge auch auf Wunsch der USA.

Parallel zu den bilateralen Verhandlungen der Amerikaner mit den Taliban hatte unter deutscher Vermittlung im Sommer ein erstes Treffen von afghanischen Regierungsvertretern mit den Islamisten in Doha stattgefunden. Damit die Aufständischen ihre Haltung, sie verhandelten nicht direkt mit Kabul, aufrechterhalten konnten, wurde dieses Treffen als "privat" eingestuft. Falls es nun wieder zu Gesprächen zwischen den USA und den Taliban kommen sollte, wird eine zentrale Herausforderung bleiben: Die Gesprächskanäle zusammenzuführen und der afghanischen Regierung eine gebührende Rolle zu übertragen. Kabuls Wunsch an den Westen sei, "steht uns bei, aber gebt uns die Führung", sagte Präsidentensprecher Siddiqi.

Allerdings gibt es auf dem Weg zu stabilen Verhältnissen am Hindukusch weitere Hindernisse: Nach 40 Jahren Krieg stehen sich die Anführer der verschiedenen afghanischen Ethnien nach wie vor argwöhnisch gegenüber. Selbst wenn es zu einem Friedensdeal mit den Taliban kommen sollte, könnte jede Versöhnung an der Macht verschiedener Warlords und Führer ethnischer Milizen scheitern. Über allem steht in Kabul zudem die Befürchtung, dass Trump wieder einen seiner erratischen Schritte macht und einen Totalabzug der US-Soldaten anordnet. Dann, so sind sich die Afghanen sicher, wäre der Weg ins Chaos programmiert.