Ägypten Langsames Sterben in Haft

Nach dem Tod von Ex-Präsident Mursi werden Vorwürfe gegen die Regierung laut.

Einen Tag nach seinem Zusammenbruch ist der ehemalige ägyptische Präsident Mohammed Mursi am Dienstagmorgen im Kairoer Osten bestattet worden. Nur der engste Familienkreis Mursis wohnte dem Begräbnis auf einem Friedhof für führende Persönlichkeiten der Muslimbrüder im Viertel Madinat Nasr bei, wie Sohn Ahmed Mursi auf Facebook schrieb. Das islamische Totengebet fand in der Moschee des Tora-Gefängnisses statt, in dem Mursi sechs Jahre lang in Haft saß. Sicherheitskreise sollen eine Beerdigung Mursis im Familiengrab in dessen Geburtsort asch-Scharqiyya im Nildelta untersagt haben, wie sein Sohn weiter mitteilte.

Der erste demokratisch gewählte Präsident Ägyptens und Anhänger eines politischen Islam war am Montag während einer Gerichtsverhandlung in Kairo ohnmächtig geworden und kurz danach gestorben. Bei der Anhörung ging es um Vorwürfe der Spionage im Zusammenhang mit mutmaßlichen Verbindungen zur radikalislamischen Palästinensergruppe Hamas. Lokalen Medienberichten zufolge ist sein Tod auf einen Herzinfarkt zurückzuführen.

Der 67-Jährige sei wegen eines Tumors behandelt worden, berichtete das Staatsfernsehen am Dienstag unter Berufung auf Ärzte. Der Anwalt von Mursi, Abdel-Menem Abdel-Maksud, sagte, der 67-Jährige sei während seiner Haft in schlechter gesundheitlicher Verfassung gewesen. "Wir haben mehrere Anträge auf Behandlung gestellt. Einige wurden genehmigt, andere nicht." Eine Autopsie habe keine Anzeichen für jüngere Verletzungen ergeben, so die Staatsanwaltschaft.

Die in Ägypten verbotene Muslimbrüderschaft veröffentlichte am Dienstag ein offizielles Schreiben auf ihrer Webseite und rief die Ägypter dazu auf "vom Herzen der Hauptstadt bis nach Assuan und nach Alexandria" das islamische Totengebet für Mursi zu beten. Die Organisation warf der Regierung in Kairo vor, eine offizielle Beerdigung aus Furcht vor den Auswirkungen verhindert zu haben. Das Regime habe sogar dann Angst vor Mursi, wenn er "auf der Bahre in Richtung Grab" unterwegs sei, hieß es in der Mitteilung.

Mohammed Sudan, ein in London lebendes Mitglied der Organisation, sprach von "vorsätzlichem Mord". Auch die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbrüderschaft warf der Regierung vor, absichtlich für einen "langsamen Tod" des Ex-Präsidenten gesorgt zu haben. Sie hätten ihn mehr als fünf Jahre lang in Einzelhaft gehalten und ihm schlechtes Essen gegeben, hieß es in der Mitteilung.

Die Menschenrechtsgruppe Amnesty International rief die ägyptische Regierung auf, eine "unparteiische, gründliche und transparente" Untersuchung einzuleiten. Die Haftbedingungen in Ägypten gerieten in den vergangenen Jahren verstärkt in die Kritik. Internationale Beobachter gehen von mehr als 60 000 politischen Gefangenen aus; darunter sind nicht nur Muslimbrüder, sondern auch liberale Politiker, Journalisten, Fotografen oder Aktivisten.

Seitdem Ex-General Abdel Fattah al-Sisi an der Macht ist, hat der Sicherheitsapparat das Land fest im Griff. Das innenpolitische Klima gilt als noch repressiver als zu Zeiten des ägyptischen Langzeitherrschers Hosni Mubarak. Al-Sisi putschte Mursi 2013 aus dem Amt und übernahm selbst die Macht am Nil. Bei der Räumung des Protestlagers starben im August 2013 etwa tausend Menschen.

Ägyptische Zeitungen, die mittlerweile alle auf Regimelinie sind, berichteten am Dienstag nur am Rande vom Tod Mursis. Auch in den sozialen Netzwerken fielen die Reaktionen verhalten aus. Seit Mitte vergangenen Jahres können Nutzer verhaftet werden, wenn sie die politische Lage online kommentieren.