Abgas-Affäre:Winterkorn unter Betrugsverdacht

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen den langjährigen VW-Chef. Versicherer zahlen bei Management-Fehlern bis zu 500 Millionen Euro. Doch der Schaden für Volkswagen wird weitaus größer sein.

Von Caspar Busse, Thomas Fromm

Im VW-Skandal um manipulierte Abgaswerte geht die Justiz jetzt gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn vor. Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig leitete am Montag ein förmliches Ermittlungsverfahren gegen den 68-Jährigen ein. Es lägen mehrere Strafanzeigen wegen Betrugs vor, teilte die Behörde mit. Es werde geprüft, ob ein Anfangsverdacht bestehe. Geklärt werden sollen vor allem die Verantwortlichkeiten in dem Skandal.

Winterkorn war am Mittwoch vergangener Woche als VW-Chef zurückgetreten. Er übernehme die Verantwortung für den Skandal, sagte der Manager, fügte aber hinzu: "Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin." Unternehmen schließen in der Regel Manager-Haftpflichtversicherungen für Vorstände und Aufsichtsräte ab, für den Fall, dass diese ihre Pflichten verletzen und dem Unternehmen dadurch ein Schaden entsteht. Ob im Fall VW diese Policen auch greifen, ist derzeit offen. Nach SZ-Informationen hat Volkswagen einen Vertrag bei einem Konsortium unter Führung des Versicherers Zurich abgeschlossen. Die Versicherungssumme beträgt danach rund 500 Millionen Euro. Zumindest ein Versicherer habe bereits Reserven gebildet, heißt es. VW und Zurich wollten sich dazu nicht äußern. Das Problem: Bei Vorsatz der Manager zahlen die Versicherer in der Regel nicht. Ob Vorsatz in Betracht kommt oder nicht, hängt vom Ausgang der Ermittlungen der Staatsanwälte ab. Wenn die Versicherung im Fall VW in voller Höhe - also mit der Versicherungssumme von 500 Millionen Euro - zum Tragen käme, würde das dem Markt jedenfalls einen Schlag versetzen.

Der Schaden für Volkswagen dürfte aber deutlich höher ausfallen und in die Milliarden gehen. Es geht unter anderem um hohe Strafzahlungen und Schadenersatzansprüche von Kunden, vor allem auch in den USA. Dort werden schon Sammelklagen eingereicht. Zudem weitet sich die Krise aus. Von den insgesamt elf Millionen betroffenen Fahrzeugen stammten allein 2,1 Millionen von Audi, teilte die VW-Tochter aus Ingolstadt mit. Alleine in Westeuropa gehe es um 1,42 Millionen Audi-Diesel-Fahrzeuge, davon wiederum 577 000 nur in Deutschland. Eine vollständige Liste aller betroffenen Modelle des Konzerns gibt es bisher noch nicht. Bei VW geht es unter anderem um Golf- und Passat-Fahrzeuge, also die meistverkauften Modelle im Konzern.

Nicht nur mit Kunden und der Justiz hat VW Ärger, auch intern könnte es zu harten Auseinandersetzungen kommen. So wehren sich Insidern zufolge nun einige Top-Manager gegen ihre Freistellung. Ulrich Hackenberg etwa, Entwicklungschef bei Audi, soll seine Beurlaubung nicht akzeptieren und dagegen juristisch vorgehen. Der 65-jährige Ingenieur war von 2007 für die Entwicklung bei VW zuständig, 2013 wechselte er in gleicher Funktion nach Ingolstadt. An der Börse verlor die VW-Aktie am Montag erneut fast acht Prozent an Wert.

© SZ vom 29.09.2015
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