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60 Jahre "Kleine Wiedervereinigung":Oh, wie schön ist das Saarland

Industrielandschaftsgarten in Völklingen

Das Saarland bietet viel Grün - manchmal auch mit Weltkulturerbe im Hintergrund.

(Foto: dpa)

Vor genau 60 Jahren sagten die Saarländer Ja! zu Deutschland. Doch noch immer straft das restliche Bundesgebiet sie mit Nichtbeachtung. Höchste Zeit für Aufklärung.

Heute vor genau 60 Jahren, am 23. Oktober 1955, da haben Hunderttausende Menschen im äußersten Südwesten Deutschlands eine mutige Entscheidung getroffen. Sie hätten die Chance gehabt, einen eigenen kleinen Staat zu bilden, mit eigener Regierung, eigener Hymne, sogar mit einer eigenen Fußball-Nationalmannschaft - und die hatte bis dahin nicht einmal schlecht gespielt. Doch die Saarländer schlugen das alles in den Wind, lehnten das sogenannte Saar-Statut ab und fügten sich in den kommenden Jahrzehnten brav ein in die Bundesrepublik. Sie muckten nicht mal auf, als man ihnen einen Bundeskanzler aus Rheinland-Pfalz vorsetzte, dabei regierte der ziemlich lange.

Die Saarländer sagten immer lauthals JA! zu Deutschland. Und was tat der Rest der Republik? War er dankbar ob der grenzenlosen Loyalität aus Saarbrücken? War er froh, das kleine Land in seiner Mitte zu haben? Nein, er verhielt sich so wie Karl Lagerfeld, der mit der maximal möglichen Herablassung einmal über Heidi Klum urteilte: "Ich kenne sie nicht."

90 Prozent aller Menschen, das habe eine Umfrage ergeben, vergessen das Saarland, wenn sie alle 16 Bundesländer aufzählen sollen, hieß es neulich in der Sendung von Jan Böhmermann, der ohnehin keine Gelegenheit auslässt, sich über das kleine Bundesland lustig zu machen (hier zum Beispiel oder hier).

Höchste Zeit, dem etwas entgegenzusetzen. Höchste Zeit für Aufklärung. Fünf Dinge, die Sie über das Saarland wissen müssen.

Kleines Land ganz groß. Das kleinste Flächenland in Deutschland wird oft erwähnt, wenn mal wieder irgendwo ein Öltanker leck geschlagen ist oder in Kalifornien Waldbrände wüten. Der Ölteppich, respektive die in Flammen stehende Waldfläche, werden dann oft mit dem Attribut "ungefähr halb so groß wie das Saarland" versehen. Das Blöde an derlei Vergleichen ist, dass kein Mensch von außerhalb auch nur eine ungefähre Vorstellung davon hat, wie groß dieses Ländchen ist. Deshalb sei es hier einmal verraten: exakt 2569,69 Quadratkilometer.

Ich bin ein Neutrum mit Bedeutung. Frauen heißen im Saarland "Es Nicole" oder "Es Sophie", mit Betonung auf der ersten Silbe wohlgemerkt. Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts sind hier sächlich, aber das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Frauen als Objekte behandelt werden. Die Saarländer neigen in Liebesdingen zwar nicht zu großen Gefühlsregungen, aber auch nicht zu promiskuitiver Libertinage. Man weiß schließlich, was man zuhause hat. Deshalb wird der Beziehungsstatus auch mit Hilfe besitzanzeigender Pronomen ausgedrückt. Peters Freundin heißt im Saarland "em Peter seins" und Claudias Ehemann ist "Em Claudia seiner".

Work-Life-Balance im Saarland. Auch wenn das Saarland sich vor 60 Jahren gegen die Eigenständigkeit entschieden hat, gibt es trotzdem ein eigenes Grundgesetz, das nur hier gilt. Das besteht allerdings nur aus einem einzigen Artikel. Er lautet: "Hauptsach' gudd' gess, geschafft ham mir schnell." Modern gesprochen geht es dabei um die Work-Life-Balance der Saarländer.

Das leibliche Wohl ist hier äußerst wichtig, was man vielen Einwohnern auch ansieht. Selbst Singles kaufen zwischen Blieskastel und St. Wendel ein, als müssten sie eine Großfamilie ernähren, und es gibt keine schlimmere Schmach für einen saarländischen Gastgeber, als die Gefahr, dass der Besuch möglicherweise nicht satt werden könnte. Das "Schaffen" - dieser Begriff umschreibt im Saarland sämtliche Formen der Erwerbsarbeit, egal ob sie am Hochofen oder im Büro erledigt wird - ist dagegen ein Graus, den hinter sich zu bringen gilt, so schnell es eben geht.

Gott lenkt, der Saarländer schwenkt. Über die Bedeutung des Essens im Saarland ist oben schon viel gesagt worden. Eine bestimmte Art der Nahrungszubereitung genießt an der Saar aber besondere Wertschätzung; ja, man kann sagen, sie gehört sogar zur Landeskultur und zur Identität der Menschen hier: das Grillen. Wobei man gleich korrigieren muss: Gegrillt wird im Saarland nicht, es wird geschwenkt.

Der Schwenker ist ein aus Edelstahl gefertigtes dreibeiniges Gestänge, das über einer Feuerstelle steht. Oben in der Mitte, wo alle drei Stangen zusammenlaufen, ist eine Kette angebracht. An dieser Kette hängt der runde Grillrost, auf dem das Fleisch platziert wird - vegetarisches Grillen ist im Saarland quasi nicht existent. Der Rost ist beweglich und über dem Feuer in alle Richtungen drehbar, genauer: schwenkbar, was der Apparatur den Namen gibt.

Wer einmal dort war, weiß, dass der Saarländer als solcher mit eher wenigen Worten auskommt. Praktischerweise hat das Wort "Schwenker" deshalb eine mehrfache Bedeutung. Es bezeichnet erstens den Grill, zweitens das Grillgut und drittens den Menschen, der eben dieses Grillgut am Feuer stehend zubereitet.

Puristen - und von denen gibt es im Saarland einige - bestehen darauf, dass ein Schwenker niemals im Laden gekauft werden darf. Das Material, klassisch ist es sogenannter V2A-Stahl, lässt man sich von einem Bekannten mitbringen, der es während der Arbeit "uff der Hitt" (auf der Eisenhütte, Anm. d. Red.) nun ja, besorgt hat.

Die Stärke schwacher Beziehungen. Die Schwenkgrill-Beschaffung ist ein gutes Beispiel für eine weitere saarländische Eigenheit, nämlich die Liebe zum Do-it-yourself. Nirgendwo sonst gibt es eine so große Dichte von Bau- und Heimwerkermärkten wie hier. Wenn man das Fliesenlegen oder das Pflastern der neuen Einfahrt nicht hinbekommt , lässt man sich von Freunden - "Kolleschen" - helfen. Oder von den Freunden der Freunde.

"Eisch kenn ähner, der ähne kennt" - übersetzt "Ich kenne einen, der einen kennt" - ist ein wichtiger Satz im Saarland. Entfernte Bekannte helfen nicht nur, wenn irgendwas im Haus zu tun ist, sondern auch bei einem weiteren Volkssport der Saarländer, nämlich dem Bestreben, Artikel billiger zu bekommen als zum regulären Preis. Dumm nur, dass das vermeintliche Schnäppchen im Internet genauso günstig zu haben gewesen wäre und der Kollesch immer dann keine Zeit hat, wenn man ihn gerade am meisten braucht.

Dieser Umstand ist vielleicht der Grund dafür, warum ein durchschnittlicher saarländischer Hausbau ein Leben lang dauert. Das Ganze ist ohnehin von Anfang an zu groß dimensioniert, die Grundstücke sind günstig und man kann ja so viel selber machen. 300 Quadratmeter Wohnfläche plus Einliegerwohnung im Keller für die Kinder. Wenn nach zehn Jahren endlich der Dachboden fertig ausgebaut ist, steht ein neuer Wintergarten an. Ist der nach weiteren fünf Jahren fertig, muss die Einfahrt neu gepflastert werden. Ist diese Aufgabe erledigt, muss ein neuer Hobbyraum her.

Wer jetzt neugierig geworden ist und einmal ins Saarland reisen möchte, der sei noch auf die Sprachprobleme hingewiesen. Die Verständigung ist schwierig (hier eine Hörprobe). Aber vielleicht bietet die saarländische Regierung ja bald Integrationskurse an.

© SZ.de/segi/ewid

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