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25 Jahre Super-GAU in Tschernobyl (1):Mechanismen außer Kraft gesetzt

Der französische Soziologe Guillaume Grandazzi sieht einen Grund für diesen Umgang mit Tschernobyl darin, dass die gängigen Bewältigungsmechanismen außer Kraft gesetzt werden. Anders als nach einem Krieg oder nach dem Holocaust sei der Appell "Nie wieder!" wertlos, denn es gehe nicht darum, ein vom Krieg oder einer Tsunami-Welle zerstörtes Land wiederaufzubauen.

Atomkatastrophe in Japan

Minamisoma, die Geisterstadt

Grandazzi schrieb bereits 2006 in einem Beitrag mit dem Titel "Die Zukunft erinnern": "Im Gegensatz zu den Katastrophenerfahrungen der Vergangenheit gab es im Falle Tschernobyls für die meisten Opfer der radioaktiven Kontamination - mit Ausnahme des Betriebspersonals des Atomkraftwerks, der Feuerwehrleute und der Anwohner, die direkte Zeugen des Unfalls waren - kein kausal erlebbares, ursprüngliches Ereignis. Tschernobyl hat das Wesen der Katastrophe verändert: Es gibt kein Schlachtfeld, keine zerstörten Städte, doch eine für immer erstarrte Stadt, Pripjat, und einen Krieg ohne Feind, in dem die 'Helden' - etwa 800.000 sogenannte Liquidatoren - zugleich die Besiegten waren."

sueddeutsche.de wird in dieser Woche in einer Serie an jenen Tag erinnern, der die Welt verändert hat. Dabei soll an die 800.000 Liquidatoren aus allen Teilen der Sowjetunion erinnert werden, die ihr Leben riskierten und deren Leistung von den Regierungen in Moskau, Kiew und Minsk ebenso wenig honoriert wird wie vom Westen. Der Fotograf Rüdiger Lubricht berichtet im Rahmen der Serie von seinem Langzeitprojekt, für das er mehrere Jahre in die Sperrzonen gereist ist.

Eine Reportage schildert ein Phänomen, das Kritiker als "Katastrophentourismus" abtun: Mehrere Reiseveranstalter bieten Tagesausflüge in die Todeszone von Tschernobyl an, also in jenes Gebiet, in dem die Folgen der atomaren Katastrophe so deutlich zu sehen sind wie nirgendwo sonst. Dort stehen die Besucher auch vor dem Sarkophag, den sowjetische Arbeiter als Provisorium zwischen Mai und November 1986 zusammenzimmerten. Nun soll ein neuer Sarkophag gebaut werden, der die Strahlen für die nächsten hundert Jahre fernhält - was in den folgenden 20.000 Jahren geschieht, bleibt den Enkeln und Urenkeln überlassen. Ob im japanischen Fukushima-Daiichi ebenfalls eine solche Betonhülle gebaut werden muss, ist bislang nicht abzusehen.

Zudem berichten Prominente wie etwa Christoph Well von der Biermösl Blosn, die Publizistin Beatrice von Weizsäcker, der Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel und die Schriftstellerin Gudrun Pausewang ("Die Wolke"), wie sie sich an den 26. April 1986 erinnern. Und natürlich werden die User von sueddeutsche.de ausreichend Gelegenheit haben, ihre Erfahrungen und Gedanken zur Katastrophe von Tschernobyl zu schildern und darüber zu diskutieren, welche Lehren daraus zu ziehen sind.