8. Juli 2019, 18:28 Transsexualität Ärger unter der Regenbogenfahne

Konversionstherapien sollen verboten werden - aber nur für Homosexuelle.

Von Rainer Stadler

Ein Mitglied der LGBTQ-Bewegung weist auf der Pride-Parade in Madrid auf seine geschlechtsangleichende Operation hin.

(Foto: Oscar del Pozo/AFP)

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) scheut sich bekanntlich nicht, komplizierte Dinge auf den Punkt zu bringen. Das wissen nicht nur Talk-Moderatoren wie Frank Plasberg oder Maybrit Illner zu schätzen, manchmal erntet er auch im Parlament Beifall über die Parteigrenzen hinweg. So auch vor einigen Wochen, als er mit dem Plan vorpreschte, die sogenannten Konversionstherapien für Homosexuelle zu verbieten. "Homosexualität ist keine Krankheit und nicht therapiebedürftig", begründete er den Schritt kurz und bündig. Von FDP und Grünen kam Zuspruch, SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis sagte, sie rechne mit einer "breiten Mehrheit" im Bundestag.

Unter Experten gilt die "Homo-Heilung" schon länger als Irrweg der Medizin. Ein Gutachter der von Spahn einberufenen Expertenkommission zu dem Thema erinnerte daran, dass Ärzte bis in die Siebzigerjahre versuchten, Homosexualität mit Gehirnoperation und Kastration zu beseitigen. Zuletzt wurden Homosexuelle vor allem in Therapiegesprächen und Gruppensitzungen aufgefordert, auf den Pfad der Heterosexualität zurückzukehren. Oft stehen christliche Fundamentalisten hinter den Bekehrungsversuchen, zuweilen Ärzte oder Therapeuten. Sie müssen demnächst mit Strafen rechnen, im Moment arbeiten Experten des Gesundheits- und des Justizministeriums an einem entsprechenden Gesetz.

Trotzdem regt sich Unmut gegen Spahns Vorgehen - ausgerechnet in einem Teil der LGBTQ-Gemeinde, die sonst einträchtig unter der Regenbogenfahne marschiert. Die Lobbyverbände der Transmenschen waren nämlich ebenfalls in Spahns Kommission eingeladen. Sie argumentierten, auch Transmenschen seien diesen Pseudotherapien ausgesetzt, und drängten auf deren Verbot. "Aber am Ende sind wir mit unseren Vorstellungen hinten runtergefallen", klagt Petra Weitzel, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (DGTI).

Im Krankheitskatalog der Weltgesundheitsorganisation fehlt Transidentität neuerdings

Dabei gebe es in Deutschland bis heute Ärzte, bei denen "Eltern ihre Kinder drehen lassen können", erklärt Weitzel. So würde Eltern geraten, Spielzeug, Kleidung und alles andere wegzunehmen, was nicht zum natürlichen Geschlecht passt. Jungen, die sich als Mädchen identifizieren, sollten mit anderen Jungen Fußball spielen, um sie in ihrem biologischen Geschlecht zu stärken. Therapeuten würden ihre Aufgabe darin sehen, Transgender-Kindern und -Jugendlichen "geschlechtskonforme Verhaltensangebote" zu machen, "adäquate Verhaltensweisen" zu belohnen und "geschlechtsatypisches Verhalten" nicht zu beachten oder "beiläufig zu unterbinden". Manche Ärzte lehnten kategorisch ab, Kindern und Jugendlichen Medikamente zu verabreichen, um ihr Geschlecht an das "erlebte Geschlecht anzupassen". Ein unhaltbarer Zustand, kritisiert Weitzel. Das Gros der Mediziner und Psychologen sei längst der Ansicht, dass es nicht Ziel einer Therapie sein dürfe, "Menschen vom Transsein abzubringen".

Seit Kurzem können sich die Trans-Verbände auf den ICD-Katalog berufen, der von der Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegebenen Klassifikation von Krankheiten. In der bisher gültigen Fassung war Transidentität noch unter den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgeführt. In der neuen Version ICD-11, die im Mai von der WHO verabschiedet wurde, ist der Passus gestrichen. Transidentität gilt nicht mehr als Krankheit, damit ist ein wesentlicher formaler Grund für etwaige Therapieversuche weggefallen.

Jeder dritte US-Bundesstaat hat Konversionstherapien verboten - auch für Transmenschen

Warum hat die Kommission von Jens Spahn das nicht berücksichtigt? Das Thema sei diskutiert worden, sagt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Aber dann habe die Kommission entschieden, "diesen Bereich nicht zu behandeln". Die Problematik sei bei Homosexuellen anders gelagert als bei Transmenschen, medizinisch wie rechtlich. Die Trans-Lobbyisten sind durchaus bereit, Unterschiede einzuräumen: Anders als Homosexuelle hätten Transmenschen in der Regel den Wunsch, ihr biologisches Geschlecht zu ändern. Das bedeutet, dass sie auf Leistungen des Gesundheitssystems angewiesen sind, sei es für Hormontherapien oder Operationen. Abstrakt gesprochen, gehe es bei Homosexuellen um ein Begehren, während es für Transgender eine Frage der Identität sei, erklärt die Hamburger Sexualwissenschaftlerin und Psychotherapeutin Katinka Schweizer. Deshalb stünden Behandelnde von Transsexuellen vor einem moralischen Dilemma: "Man muss die Menschen begleiten, aber auch vor sich selbst schützen." Dies gelte besonders für Kinder und Jugendliche. Auskunft darüber, wie gefestigt deren Wunsch ist, das biologische Geschlecht abzulegen, bringe nur eine längere Begleitung der Betroffenen. Die müsse allerdings "ergebnisoffen" erfolgen, betont Schweizer.

Die Trans-Aktivistin Petra Weitzel beobachtet, dass unter Ärzten und Psychologen immer noch das Gerücht kursiere, viele Menschen, die sich einer Hormonbehandlung unterzogen hätten, würden diesen Schritt später bedauern. Weitzel verweist auf Studien, wonach dies nur auf weniger als ein Prozent der Fälle zutrifft. Das zeige, dass sich die Betroffenen, egal welchen Alters, diesen Schritt sehr genau überlegten.

Spahns Vorgehen befremdet die Trans-Aktivisten noch aus einem weiteren Grund: Der Auslöser für die ersten Verbote von Konversionstherapien war das Trans-Mädchen Leelah Alcorn aus dem US-Bundesstaat Ohio. Geboren als Joshua, hatte sie mit 14 ihr Coming-out, mit 16 drängte sie auf eine Operation. Ihre Eltern, strenggläubige Christen, lehnten das ab und schickten sie in eine Konversionstherapie. Dort wurde ihr geraten, das Geschlecht zu akzeptieren, mit dem sie geboren war, und Gott um Hilfe zu bitten. Mit 17 nahm sich Alcorn das Leben. In ihrer Abschiedsnachricht schrieb sie, schon mit vier Jahren habe sie sich gefühlt wie "ein Mädchen, gefangen in dem Körper eines Jungen".

Nach ihrem Tod wurden in den USA Forderungen laut, Konversionstherapien zu verbieten, unterstützt auch vom damaligen Präsidenten Barack Obama. Mittlerweile sind die vermeintlichen Therapien, die für viele Betroffene Leid und Verzweiflung bedeuten, in jedem dritten US-Bundesstaat verboten - und zwar für Homosexuelle wie auch für Transmenschen.

Der Frust deutscher Trans-Aktivisten über die Ungleichbehandlung sitzt tief und richtet sich nicht nur gegen Gesundheitsminister Spahn. Julia Steenken, die ebenfalls im Vorstand der DGTI sitzt, bemängelt die Verhandlungsführung der Homosexuellenverbände. "Die sagen uns immer, dass sie auch unsere Interessen vertreten. Aber am Ende jubeln sie, und wir stehen mit leeren Händen da." So sei es schon vor zwei Jahren gelaufen: Die Ehe für alle habe die schwul-lesbische Community allein für die eigene Klientel durchgesetzt, sagt Steenken. "Wir Transmenschen wurden mit unseren Belangen einfach zur Seite gedrückt.