16. August 2018, 05:15 Prozess gegen Rechtsextreme "Ich sag bloß Connewitz"

Von Antonie Rietzschel

Die Angreifer kommen aus der Dunkelheit. Schwarz vermummt stehen sie plötzlich im Imbiss Shahia II, zerschlagen die großen Schaufenster, Tische, Stühle. Einen aus Böllern gebastelten Sprengsatz werfen sie in das Waschbecken hinter dem Verkaufstresen. Die Druckwelle der Explosion reißt die Deckenverkleidung heraus. Mitarbeiter und Gäste retten sich über eine Seitentür nach draußen, sie verstecken sich bei Nachbarn. Die Randalierer verschwinden nach wenigen Minuten. Doch der Angriff ist noch nicht vorüber.

In der Nacht des 11. Januar 2016 ziehen 250 rechtsextreme Hooligans durch den Leipziger Stadtteil Connewitz, schlagen die Fensterfronten diverser Geschäfte ein, versprühen Reizgas in einer voll besetzten Kneipe. Der Sachschaden wird später auf mehr als 100 000 Euro beziffert, es gibt fünf verletzte Polizisten, 215 Verdächtige werden festgenommen, die meisten stammen aus dem Umfeld der Hooliganszene.

Schwerster Neonazi-Angriff seit den 90er Jahren

Jetzt beginnt vor dem Amtsgericht in Leipzig der erste Prozess gegen zwei junge Männer, die an dem Gewaltexzess beteiligt gewesen sein sollen. Dennis W. und Martin K. wird schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen. Der Prozess ist der Auftakt eines Justizmarathons. In den kommenden Monaten wird es mehr als 100 solcher Verfahren geben, auch vor den Amtsgerichten in Grimma, Torgau und Eilenburg.

Der Überfall auf Connewitz war der schwerste Neonazi-Angriff in Leipzig seit den 90er Jahren, als sich Linksradikale und Rechtsextreme regelmäßig Revierkämpfe lieferten. Heute stellt sich die Machtfrage längst nicht mehr: Connewitz ist im von CDU und AfD dominierten Sachsen ein tiefroter Fleck. Die Linke fährt hier regelmäßig Rekordergebnisse ein. "Antifa Area" steht auf zerschlissenen Transparenten und Häuserwänden.

Die Kämpfe der vergangenen Jahre, sie richteten sich vor allem gegen die fortschreitende Gentrifizierung. Gegen renovierte Fassaden, schicke Einfamilienhäuser und den monströsen Rewe-Einkaufsmarkt. Und gegen die Polizei. Im Dezember 2015 lieferten sich Linksautonome im Viertel eine Straßenschlacht, bei der 69 Beamte verletzt wurden. Connewitz geriet mit den Bildern von brennenden Barrikaden und Wasserwerfern bundesweit in die Medien.

Aufruf zum "Sturm auf Leipzig"

Bei Neonazis galt Connewitz als linke Festung. Uneinnehmbar. Doch im Januar 2016 witterten sie ihre Chance. In Leipzig marschierten montags Anhänger des Pegida-Ablegers Legida durch die Stadt. Bei den Demonstrationen im Zentrum der Stadt mischten sich regelmäßig gewaltbereite rechtsextreme Hooligans unter die Demonstranten. Immer wieder kam es zu Ausschreitungen.

Der einjährige Geburtstag von Legida stand bevor. Rechtsextreme Gruppierungen wie die Freie Kameradschaft und auch die vom Verfassungsschutz beobachtete Brigade Halle veröffentlichten in sozialen Netzwerken Mobilisierungsaufrufe. Die Absprachen für den "Sturm auf Leipzig" erfolgten über Whatsapp oder per SMS. (Das Leipziger Stadtmagazin Kreuzer hat eine Auswahl der Nachrichten veröffentlicht.)

Die Neonazis erkundigten sich in Kurznachrichten über den möglichen Versammlungsort von Legida. Schnell wurde klar, dass das eigentlich Ziel ganz woanders liegt. "Ich sag bloß Connewitz", sagt ein Hooligan aus dem Umfeld von Dynamo Dresden in einer Sprachnachricht, die er einem Freund schickte. Er wollte ihn von der Aktion fernhalten. "Hab kein Bock, dass du sinnlos Ärger hast, wegen so einer verwanzten Scheiße, weil man meint, dort durchrennen zu müssen." Andere konnten es wiederum kaum erwarten: "Wird 'ne geile Ausfahrt."

Am Abend des 11. Januar steht die damalige Pegida-Aktivistin Tatjana Festerling in Leipzig auf der Bühne und spricht über den "Sex-Dschihad gegen Frauen". Die Nachrichten über die Silvester-Übergriffe in Köln sind nur wenige Tage alt, die perfekte Vorlage für die Geburtstagsfeier von Legida. 2500 Menschen haben sich vor der Bühne, nahe dem Hauptbahnhof versammelt. Gegen Legida demonstrieren an diesem Abend mehr als 2500 Leipziger mit einer Lichterkette. Unter ihnen sind auch viele Bewohner aus Connewitz. Sie stehen im strömenden Regen, eine Kerze in der Hand. Ihr Viertel ist ohne Schutz.

Im Leipziger Süden parken die Rechtsextremen ihre Autos in einer Seitenstraße. 1500 Meter sind es von hier bis zur Wolfgang-Heinze-Straße, hier befinden sich viele Geschäfte, aber auch Kultkneipen wie "Die Zwille". Die Rechtsextremen gehen zu Fuß. Sie tragen schwarze Kleidung. Kein Thor Steinar, keine Schuhe von New Balance, so war es ausgemacht. Nichts, was sie sofort als Rechtsextreme kenntlich macht. Sie wollen aussehen wie der schwarze Block auf dem Weg zur Gegendemo. Vor sich tragen sie ein Banner mit der Aufschrift "Leipzig bleibt helle". Das Motto der Anti-Legida-Proteste soll ihre Deckung sein.

Die Scheiben sind längst wieder heil

Als die Gruppe in die Wolfgang-Heinze-Straße einbiegt, brüllen Einzelne "Hooligan, Hooligan". Sie schlagen zu, mit Eisenstangen, mit Zaunlatten, werfen Silvesterböller durch zerschmetterte Fenster. Am Ende ist es reines Glück, dass die Geschäfte nicht in Flammen aufgehen: Als die Angreifer die Scheiben eines kleinen Buchladens einschmeißen, verfehlt ein hinterher geworfener Brandsatz den Bücherstapel, landet stattdessen auf dem Karton des "Großen literarischen Katzenkalenders 2016" und erlischt.

Der erste Notruf geht bei der Polizei gegen 19.20 Uhr ein, zehn Minuten später sind die ersten Beamten vor Ort. Den Polizisten gelingt es, die meisten Neonazis in einer kleinen Seitenstraße einzukesseln, sie fesseln die Rechtsextremen mit Kabelbindern. Sie sitzen nebeneinander auf dem kalten Boden. Im Schneidersitz, Knie an Knie. So endet der "Sturm auf Leipzig".

Wer sind die Drahtzieher?

Heute sind Scheiben und Ladeneinrichtungen längst ersetzt, auch dank mehrerer Spendenaktionen. Eine stand unter dem Motto: "Saufen für den Kiez". Das Leben, es geht weiter in Connewitz: Das Shahia II verkauft wieder vegane Döner, im Buchladen löst die Besitzerin Kreuzworträtsel. Die Geschichte vom Katzenkalender gehört zu den vielen Kiez-Anekdoten, die man sich beim Bier erzählt.

Zweieinhalb Jahre sind verdammt lang. Die Connewitzer nutzten die Zeit, um noch enger zusammenzurücken. Die Polizei nutzte sie für akribische Ermittlungen. Sie wertete Speichelproben aus, untersuchte 115 Gegenstände, die an verschiedenen Orten der Marschroute gefunden wurden. Allein mithilfe der Daten von Dutzenden konfiszierten Mobiltelefonen lassen sich die tagelangen Vorbereitungen der Randalierer rekonstruieren.

Dass nun voraussichtlich alle Verdächtigen vor Gericht stehen werden, werten Linken-Politiker als gutes und ungewöhnliches Zeichen. Hat doch die sächsische Justiz eher den Ruf, mit einer ähnlichen Akribie vor allem linke Aktivisten zu verfolgen. Und doch sind viele Fragen offen: Wer waren die Drahtzieher? Hätten die Ausschreitungen verhindert werden können? Was wussten die Sicherheitsbehörden, was nicht? Fragen, auf die der Prozessmarathon nun Antworten geben muss.

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