15. Februar 2019, 18:43 Gastbeitrag Wie wenig Zeit bleibt

Die Schulstreiks fürs Klima stehen der Jugend gut.

Von Hans Saloga

Einem Vater, der zu seinem 16-jährigen Sohn sagt: "Als ich in deinem Alter war ...", erwidert der Sohn: "Du warst nie in meinem Alter!" Diese Anekdote kennzeichnet ein häufiges Missverständnis zwischen den Generationen, die ganz unterschiedliche Blicke auf die Veränderung der Welt mit all ihren Segnungen und Brüchen haben. Wenn wir vor 30 und mehr Jahren noch relativ sorglos leben und lernen konnten, so hat sich dies inzwischen verändert und der Sohn hat recht: Der Vater darf seine Jugend nicht einfach auf heute übertragen, die Ängste der jungen Generation kann er nicht nachvollziehen - er war nie "in deinem Alter".

Aber der Gedanke, dass junge Menschen dem Aufruf "Werdet endlich wach, geht auf die Straße!" folgen, hat etwas Bezwingendes. Was wird passieren, wenn tatsächlich weiterhin Schülerinnen und Schüler Woche für Woche für eine bessere Zukunft demonstrieren, so lange, bis etwas geschieht, wirklich geschieht, nicht schöngeredet, sondern verändert wird? Jeden Freitag lassen die Aktivisten den Unterricht sausen und ziehen stattdessen vor Parlamente, Ministerien oder Rathäuser, um unter dem Titel "Fridays for Future" gegen den Klimawandel zu protestieren. Aber werden ihre dramatischen Worte auch erhört?

Mit dieser Sorge sitzen Jugendliche bei mir, verzweifelt, wie sie ihr Leben gestalten sollen, mit Angst, vor der Macht von Staat und Establishment zu resignieren - aber mit der Überzeugung, das Richtige zu tun. Haben sie in Schule und Studium nicht gelernt, dass gelebte Demokratie, dass Grundrechte Grundpfeiler der gesellschaftlichen Ordnung sind?

In jüngster Zeit musste ich oft an meine eigenen Erfahrungen denken. Unterscheiden sich die heutigen Proteste von denen vor 45 Jahren? Ist das hier auch getragen von Protest gegen die Welt der Etablierten, oder steckt vielleicht etwas anderes dahinter? Laufen hier faule, bequeme Schüler und Studenten, weil es gerade "in" ist?

Ich habe viel mit Schülern und Studenten gesprochen, nicht alle befürworten die Demonstrationen, manche zweifeln an ihrem Sinn. Was aber alle gemeinsam haben, ist die Sorge um die Welt, in der sie leben, noch viele Jahre leben sollen und leben wollen. Ihre Zukunft erscheint ihnen fragwürdig. Dürfen sie optimistisch nach vorne blicken und auf ein erfülltes, gesundes Leben für sich selbst und eine zukünftige Familie hoffen? Ihre Proteste scheinen mir als außenstehendem Beobachter ernster, dringender zu sein, von mehr Not gekennzeichnet als unsere. Was die Jugend heute antreibt, was sie auf die Straße treibt, was sie Woche für Woche demonstrieren lässt, ist der Gedanke, dass es vielleicht morgen schon zu spät sein könnte.

Mit einer gewissen Erleichterung sehe ich, dass doch nicht alles verloren ist, dass die jungen Menschen ihre Verantwortung und ihre Not allen sichtbar vor Augen führen. Wenn sie jetzt nicht ernst genommen werden, dann werden wir die Jugend verlieren. Denn die "Alten" können jetzt (nur noch) beratend dabeisein, das Handeln liegt in den Händen ihrer Kinder und Enkel. Sie sollten versuchen, ihnen das Rüstzeug mitzugeben, mit dem sie die Welt verändern können: Wissen, Erfahrung, Toleranz, unerschütterlichen Glauben an die Möglichkeit, den Mut zu handeln - und nicht zuletzt den Glauben an und das Vertrauen in sich selbst.

Hans Saloga, 68, ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut.