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Winnenden: Eltern gründen Stiftung:Den Toten ein Gesicht geben

Sie haben ihre Kinder verloren, nun wollen sie sich dafür einsetzen, dass sich Politik und Opferschutz ändern. Angehörige in Winnenden gründen die "Stiftung gegen Gewalt an Schulen".

Letztlich, sagt Gisela Mayer, gehe es bei all den Bemühungen auch um das Bild, das die Menschen von ihrer Tochter Nina haben werden. Darum, dass sie überhaupt eines bekommen. "Sie war so ein richtiger Gut-Mensch, und hat wirklich jedem gerne geholfen. Das war ihr Leben."

Zu wenig Beachtung für die Opfer: Sprecherin Gisela Mayer, die eine Tochter verloren hat.

(Foto: Foto: dpa)

Das Leben von Nina Mayer, 24, endete am 11. März 2009 in der Albertville-Schule von Winnenden - die Referendarin war eine der 15 Toten des Amoklaufes. Den Toten ein Gesicht zu geben, sagt Mayer, sei eine Aufgabe der "Stiftung gegen Gewalt an Schulen", deren Ziele Mayer und die Hinterbliebenen von weiteren Schülern am Freitag in Stuttgart vorstellten, insgesamt beteiligten sich die Familien von acht Opfern an der Initiative.

In den kommenden Wochen wollen die Eltern Unterschriften für strengere Waffengesetze und ein Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen sammeln, die dann dem Bundestag übergeben werden sollen. Die derzeit von der Koalition in Berlin diskutierte Verschärfung des Waffenrechtes sei eher "Kosmetik", sagte Hardy Schober, der Vater einer getöteten Schülerin. Statt verdachtsunabhängige Kontrollen von Waffenbesitzern einzuführen, sollten großkalibrige Waffen für Privatpersonen verboten sowie Faustfeuerwaffen in privaten Haushalten generell untersagt werden, fordert er.

Das geplante Verbot von "Paintball", bei dem die Mitspieler mit Farbpistolen aufeinander schießen, ist aus Sicht des Aktionsbündnisses hingegen "ein bisschen übertrieben". Nach dem Amoklauf hatten sich viele Politiker mit den Hinterbliebenen getroffen, der Stuttgarter Landtag richtete einen Sonderausschuss ein. Alle wollen sich kümmern, nur das Wie ist noch die Frage. "Was wünschenswert wäre, wäre ein bisschen Mut", sagt Gisela Mayer. Wichtig wäre aus ihrer Sicht, dass jede Schule zumindest einen festangestellten Psychologen oder Sozialarbeiter bekommt, der sich um auffällige Jugendliche kümmert - oder um die, die auffällig unauffällig sind, so wie es Tim Kretschmer war, der Attentäter von Winnenden. Er sei in der Berichterstattung zu sehr in den Vordergrund gerückt worden, erklärt Mayer.

Um die Opfer habe sich hingegen kaum jemand gekümmert. "Wenn die Menschen hinter den Opfern wieder in den Vordergrund treten, dann steigt vielleicht die Hemmschwelle für Nachahmer", sagt Mayer. Weil sie dann wüssten, dass sie Menschen mit Träumen töten. Menschen wie ihre Tochter Nina.

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