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Engel & Völkers zum Weltfrauentag:Pixelfasching der edlen Männer

Das gehässige Auge sieht den Wunsch der Männer, edel und gleichzeitig zupackend über den Dächern der Stadt gezeigt zu werden.

(Foto: Engel & Völkers/Twitter)

Das Foto einer Immobilienfirma zum Weltfrauentag ist so offenkundig so dermaßen daneben, dass man aufpassen sollte, nicht komplett hysterisch zu werden. Zu Recht gibt es dafür einiges an Häme.

Lebte Leonardo da Vinci in unserer Zeit, er würde sein "Abendmahl" vielleicht nicht im Refektorium des Klosters Santa Maria delle Grazie verstecken. Er würde, wer weiß, sein Bild stattdessen bei Twitter hochladen und sich eine Stunde später wundern, was in aller Welt denn jetzt schon wieder kaputt sei. Es sind auf diesem "Abendmahl" ja wirklich nur Männer zu sehen. Also, bei Twitter wäre jedenfalls einiges los, zumal so kurz vor dem Weltfrauentag am Freitag, und am nächsten Tag könnte da Vincis Büro dann twittern: " Unser gestriger Beitrag verfehlte sein Ziel, Frauen in den Vordergrund zu stellen. Dies und nichts anderes ist im Rahmen des Weltfrauentags angemessen. Das war ein Fehler unsererseits und tut uns außerordentlich leid."

Real veröffentlicht hat diesen Tweet am Dienstag die prominente und geldschwere Maklerfirma Engel & Völkers. Selbst wer sie nicht kennt, ist bestimmt schon mal an einem ihrer Objekte vorbeigelaufen, das er sich bei Interesse garantiert nicht hätte leisten können - damit wären wir schon bei einem der vielen Aspekte, die das hier gezeigte Bild zu jenem heftigen Digitalaufreger machten, der die zitierte Bitte um Entschuldigung nach sich zog. Das Foto ist eigentlich Teil eines Projektes der Öffentlichkeitsarbeit von Engel & Völkers zum Weltfrauentag, in dem auch viele Frauen vorgestellt werden.

Foto ohne Kontext

Das aber war dem dekontextualisierungsgeneigten Internetpublikum natürlich egal, als es dieses Foto sah, auf dem so vieles so offenkundig so dermaßen daneben ist, dass man aufpassen sollte, daheim in der dunklen Mietwohnung nicht hysterisch zu werden. Zu sehen ist also der komplett männliche Vorstand von Engel & Völkers, der sich anlässlich des Weltfrauentages, wie es heißt, "über weibliche Vorbilder" Gedanken macht - statt dieser weiblichen Vorbilder aber werden die Herren selbst abgebildet. Das zog zu Recht einiges an Häme nach sich, nicht nur, weil das Bild gegen die eigene Idee arbeitet.

Das gehässige Auge sieht nämlich noch mehr, es sieht eine Umkehrung der Tatsachen der Welt, es sieht diese Welt als grauschlierigen Hamburger Hintergrund, farblich getupft allein von Krawatten und einem Mut zur Diversität, der am Saum derselben endet. Es sieht Profiteure einer obszönen Entwicklung des Immobilienmarkts, unter der nicht zuletzt normalverdienende Familien leiden. Das gehässige Auge sieht den Wunsch der Männer, edel und gleichzeitig zupackend über den Dächern der Stadt gezeigt zu werden, man erkennt es an der rostigen, regenfeuchten Trittfläche, auf der das polierte Glattleder der Vorstandsschuhe ruht. Im Hintergrund der Prachtbau der Elbphilharmonie.

Man sieht all das und erinnert sich der vielen ähnlichen Bilder von Innenministerkonferenzen und aus Werbeprospekten von Sparkassen. In dieser Reihung freilich hat das Bild von Engel & Völkers eine neue Qualität: der zu inkriminierende Kern, nämlich die ungenügende Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen, gerät vor lauter Pixelfasching fast in Vergessenheit.

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