USA Sexueller Missbrauch: Entrüstung in USA über "mildes" Richter-Urteil

  • Ein Stanford-Student missbraucht eine bewusstlose Frau. Die Jury spricht ihn schuldig.
  • Die Anklage fordert sechs Jahre Haft. Der Richter entscheidet sich für sechs Monate.
  • Das Urteil gilt Kritikern als zu milde und als Verharmlosung sexueller Gewalt.
  • Eine Professorin der Universität Stanford will den Richter nun abberufen lassen.
Von Hakan Tanriverdi

Sechs Monate Gefängnis für den sexuellen Missbrauch einer Bewusstlosen: Weil sie das Urteil in einem weltweit diskutierten Fall des sexuellen Missbrauchs als deutlich zu milde empfindet, hat eine Professorin der Universität Stanford juristische Schritte gegen den Richter angekündigt. Ihr Ziel: den Richter abberufen zu lassen, wie die britische Zeitung The Guardian berichtet.

Am 18. Januar 2015 wurde Brock Turner, damals 19 Jahre alt und Student an ebenjener Elite-Uni Stanford in Kalifornien dabei beobachtet, wie er hinter einer Mülltonne eine bewusstlose und damit wehrlose Frau sexuell missbrauchte. Zwei vorbeifahrende Fahrradfahrer wurden darauf aufmerksam und überwältigten Turner. Knapp ein Jahr später, im März 2016, befand ihn eine Jury in drei Anklagepunkten für schuldig.

Brock Turner "Du kennst mich nicht, aber du warst in mir"
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Ansprache in Vergewaltigungs-Prozess

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2015 hat US-Schwimmer und Olympia-Hoffnung Brock Turner in Stanford eine Frau vergewaltigt. Im Prozess wendet sie sich mit einer beeindruckenden Ansprache an den Täter.

Richter begründet Urteil mit den Folgen für den Täter

Die Anklage forderte sechs Jahre Haft in einem Bundesstaatsgefängnis (state prison). Der Richter urteilte: sechs Monate in einem Gefängnis im Bezirk (county jail). Turner muss sich außerdem als Sexualstraftäter registrieren.

Als Begründung gab der Richter unter anderem an, dass eine Haftstrafe in einem Bundesstaatsgefängnis "schwerwiegende Folgen" für den Täter hätte. Der Richter berief sich außerdem darauf, dass Turner jung ist und keine Vorstrafen hat. "Ich glaube, von ihm wird keine Gefahr für andere ausgehen", resümierte der Richter Aaron Persky.

Professorin Michele Landis Dauber will das nicht hinnehmen. "Der Richter hat sich ein Bein ausgerissen, um eine Ausnahme zu machen", begründete sie ihren juristischen Schritt im Interview mit dem Guardian. "Seine Botschaft an Frauen und Studenten lautet: 'Ihr seid auf euch alleine gestellt.' Für Täter hingegen heißt es: "Ich stehe hinter euch". Dauber kennt das Opfer persönlich, sie ist eine Freundin der Familie.

Im Interview mit NBC News vermutete Dauber, dass der Richter auch deshalb ein mildes Urteil gefällt habe, weil seine Laufbahn mit der von Turner vergleichbar sei. Turner galt als Olympia-Hoffnung im Schwimmen. Persky, ebenfalls Stanford-Student, war Kapitän des Lacrosse-Teams.

Online-Petition: Mehr als 100 000 Unterschriften

Die Lokalzeitung San Jose Mercury News bezeichnete das Urteil in einem Artikel als "leichten Schlag auf das Handgelenk", also eine Verwarnung. Das Urteil sei ein Rückschlag im Versuch, eine auf dem Universitäts-Campus stattfindende Vergewaltigung ernstzunehmen.

Zwei Petitionen auf der Plattform Change.org haben gemeinsam 200 000 Unterschriften einsammeln können (es ist nicht auszuschließen, dass Teilnehmer auch beide Petitionen unterzeichnet haben). Sie sprechen sich ebenfalls für eine Abberufung des Richters aus.

Der Vater des Täters schrieb vor dem Urteil einen Brief an den Richter. In ihm bezeichnete er den sexuellen Übergriff lediglich als "20 minutes of action".

Das Opfer wandte sich am Tag der Urteilsverkündung mit einem Brief direkt an den Täter. Die Botschaft der Frau, auf zwölf Seiten aufgeschrieben, wurden weltweit millionenfach gelesen.