Amoklauf in Uvalde:Vorbereitet auf das Schlimmste

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Amoklauf in Uvalde: Eine Grundschullehrerin in Colorado bei einem Active Shooter Drill 2018. Auch viele Schulkinder werden in den USA auf das Schlimmste vorbereitet.

Eine Grundschullehrerin in Colorado bei einem Active Shooter Drill 2018. Auch viele Schulkinder werden in den USA auf das Schlimmste vorbereitet.

(Foto: Jason Connolly/AFP)

"Run. Hide. Fight": Als Reaktion auf Schießereien üben viele Schulkinder in den USA mindestens einmal im Jahr, wie sie sich verhalten sollen, wenn ein Attentäter kommt.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Der Sohn zuckt gelangweilt mit den Schultern, als er am Mittwochmorgen einen Polizisten auf einem Motorrad vor seiner Schule sieht. Vor dem Eingang, seit ein paar Jahren mit baseballschlägerdicken Eisenstangen gesichert, ein "Double Panic Gate", steht noch ein Beamter. Eine Streife patrouilliert im Auto die Straße rauf und runter. "Ist der Morgen danach, was?", fragt dieser Junge, der erst kürzlich seinen 13. Geburtstag gefeiert hat, kurz vor der Verabschiedung.

"Morgen danach" bedeutet, dass am Tag davor etwas passiert sein muss. In diesem Fall: Amoklauf an einer Grundschule im US-Bundesstaat Texas; 19 Kinder sind tot und zwei Erwachsene. Ein 18 Jahre alter Täter hatte in einem Klassenzimmer voller Viertklässler das Feuer eröffnet, nach einem Schusswechsel mit der Polizei im Schulgebäude ist er ums Leben gekommen, mutmaßlich erschossen von einem Beamten.

Der Sohn weiß das. Man kann so was nicht fernhalten von einem Teenager, der ein Smartphone besitzt und sich mit Freunden austauscht. Selbst wenn er das nicht täte, sähe er einen Tag später die Polizisten vor der Schule und wüsste, dass mal wieder "Morgen danach" ist. Den gibt es übrigens nur bei Massakern mit mindestens vier Toten oder Amokläufen an Schulen. So zynisch das klingen mag: Das ist gut so, denn sonst wäre quasi jeder Tag in den USA ein "Morgen danach".

Viele Kinder in den USA wissen das, weil sie darauf vorbereitet werden, in sogenannten Active Shooter Drills. Laut der waffenkritischen Organisation Everytown for Gun Safety werden diese Übungen mittlerweile an 95 Prozent der Schulen mindestens einmal pro Jahr abgehalten. In Kalifornien sind sie gesetzlich vorgeschrieben. Natürlich sollte kein Kind wissen müssen, was es bei einem Amoklauf tun muss; es sollte wissen, wie man einen Fußball tritt oder "Das Weiße Album" der Beatles rülpst. In den USA jedoch kennen viele Kinder ab sechs Jahren das Codewort für Gefahr (an dieser Schule ist es "Lockdown") und die drei Grundregeln bei einem Amoklauf: Run. Hide. Fight. Weglaufen, verstecken, kämpfen.

Es hatte erst am Montag einen Active Shooter Drill gegeben an dieser Schule, wegen des Massakers in einem Supermarkt in Buffalo eine Woche davor; zehn Menschen waren dabei getötet worden. Die Run-Strategie des Sohnes: rauf aufs Schuldach und hinten runterhüpfen. - Ja, das würde wohl ein paar Knochen brechen, sagt er; aber er hoffe, dass er trotz der Verletzungen vom Schulgelände zur Polizeistation gelangen könne. Verstecken sei auch kein Problem, immer an der Wand, die ein Amokläufer von der Tür aus nicht sehen könne. Nur: Was wird beim Thema "Fight" gelehrt, also Kämpfen?

Der Hinweis der Übungsleiterin, warum man überhaupt kämpfen sollte gegen jemanden, der eine oder mehrere Feuerwaffen besitzt: "Wenn du weißt, dass Weglaufen und Verstecken nicht funktionieren, kannst du es wenigstens probieren." Wenn jemand wisse, dass es kein Entkommen gebe, solle man zum Beispiel eine Schere als Waffe benutzen, um den Täter so lange wie möglich aufzuhalten - damit möglichst viele Schulkameraden überleben. Es ist nichts anderes als der Ratschlag, was ein Kind tun soll, wenn es weiß, dass es sterben wird.

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