US-Proteste gegen Polizeigewalt Warum Ferguson der Anfang war

Proteste unter umgekehrter Flagge: Eine Frau demonstriert im November vor der Polizeiwache von Ferguson.

(Foto: REUTERS)
  • Dass die Proteste in Ferguson nach dem Tod von Michael Brown eskaliert sind, finden Experten aus der Gegend nicht erstaunlich. Zu schwierig ist das Leben der schwarzen Bevölkerung.
  • Viele Gemeinden versuchen ihren Haushalt durch Strafzettel aufzubessern - in Ferguson sind es durchschnittlich drei pro Jahr und Haushalt. Arme Familien werden so leicht finanziell ruiniert.
  • Dass die Situation für Schwarze so schlecht ist, liegt an Regelungen der Rassentrennung, die erst vor Jahrzehnten behoben und nie aufgearbeitet wurden.
Von Matthias Kolb, St. Louis

David Whitt sitzt auf seinem Fahrrad, als er das schrecklich vertraute Geräusch hört. "Der Polizist hatte die Sirene angeschaltet und zwang mich zum Anhalten", erinnert sich der 34-Jährige. Whitt wohnt in Ferguson, in den Canfield Green Apartments, wo auch Michael Brown lebte - und wo der schwarze Teenager am 9. August von dem weißen Polizeibeamten Darren Wilson erschossen wurde.

Als David Whitt im Sommer von der Polizei gestoppt wird, lebt Brown noch, und er fährt an diesem Tag zum zweiten Mal zum Supermarkt. "Ich hatte zuhause gemerkt, dass ich die Windeln vergessen hatte. Das Geld war alle, also musste ich einige Sachen im Laden zurückgeben, um die Windeln zu kriegen", sagt er. Der Polizist durchsucht die Einkaufstüte, will die Rechnung sehen - und Whitts Ausweis, um zu kontrollieren, ob dieser vorher straffällig wurde. "Ich habe mich beschwert und ihn nach der Rechtsgrundlage gefragt", sagt Whitt. Der Polizist habe entgegnet: "Du fährt ohne Helm, also kann ich dich anhalten."

Dass es in den USA keine Helmpflicht gibt, weiß Whitt natürlich, doch Streit riskiert er nicht. Schließlich darf er weiterfahren, doch noch vier Monate später ärgert er sich über den Vorfall. "So etwas passiert ständig. Es ist entwürdigend, wie uns die Polizei behandelt", klagt Whitt. Wer im Norden der Großstadt-Region St. Louis, zu der die Stadt Ferguson gehört, mit Bewohnern spricht, der hört ständig solche Geschichten.

David Whitt, Ferguson

(Foto: Matthias Kolb)

Da verwundert es immer weniger, dass die Proteste gegen Polizeigewalt von hier aus halb Amerika erfasst haben und seit mittlerweile 140 Tagen andauern.

Es sind vor allem Aktivisten aus St. Louis, die regelmäßig Aktionen organisieren und versichern, dass sie erst aufhören, wenn sich "wirklich etwas ändert" (mehr in diesem SZ.de-Interview). Was sich ändern soll? "Wir haben in dieser Gegend eine traurige und hässliche Geschichte des Rassismus und der Trennung von Weiß und Schwarz", sagt der Politikwissenschaftler Terry Jones von der University of Missouri St. Louis. In kaum einer amerikanischen Großstadt-Region sind Schwarze und Weiße stärker getrennt als in St. Louis. "Ferguson ist nicht schlimmer als andere Gemeinden in der Region, doch irgendwann musste es irgendwo krachen."

"Das System macht die Leute kaputt"

Erzählungen von Polizeischikanen hört man in Ferguson gegenüber des ausgebrannten McDonald's ebenso wie bei den Anhörungen der Ferguson-Commission, die Lösungsvorschläge für die verfahrene Situation erarbeiten soll. Hier berichten schwarze Mütter, dass sie Angst davor haben, dass ihre Söhne mit 16 den Führerschein machen: "Sobald sie hinter dem Lenkrad sitzen, werden sie zur Zielscheibe."

Der Jurist Michael-John Voss hält solche Äußerungen keineswegs für übertrieben. "Es gibt hier ein System, das Leute kaputt macht", sagt er. "Das sind gute Leute, keine gewalttätigen Kriminellen. Sie sind einfach nur arm und deswegen trifft sie das System mit voller Härte." Das "System", von dem Voss spricht, ist die Art und Weise, wie Ferguson und Dutzende Gemeinden der Region ihren Haushalt aufbessern: Ziel ist es, möglichst viele Strafzettel zu verteilen, um so die Einnahmen zu erhöhen.

Der 36-jährige Voss arbeitet für die Nichtregierungsorganisation "Arch City Defenders", die Obdachlosen und Armen kostenlos juristischen Beistand gewährt und vor kurzem einen 37-seitigen Bericht über das Vorgehen der Polizei in der Gegend (hier als PDF) vorgelegt hat.

Die "Arch City Defenders" haben auch die offiziellen Zahlen zu Ferguson mit seinen 21 000 Einwohnern ausgewertet. Obwohl nur 67 Prozent der Bevölkerung schwarz ist, gingen 87 Prozent der Strafzettel an Afroamerikaner. 2013 gab das Gericht in Ferguson 24 000 Zahlungsbefehle aus: durchschnittlich drei pro Haushalt. "Diese Einnahmen machen knapp 30 Prozent des Haushalts aus, es ist der zweitgrößte Posten", sagt Voss.