Urteil 30 Jahre nach Mord:Freispruch im Fall Lolita Brieger

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"Er hat sie zum Schluss als letztes Stück Dreck bezeichnet und auch genauso entsorgt": 30 Jahre nach dem Mord an der 18 Jahre alten Lolita Brieger war für die Anklage klar, dass ihr ehemaliger Freund Josef K. die junge Frau in der Eifel erdrosselt hat. Jetzt hat das Gericht den Landwirt überraschend freigesprochen.

Marc Widmann, Frankfurt

Die Eifel ist ein eher menschenleerer Landstrich im Westen der Republik, der vor allem von Krimiautoren bevölkert zu sein scheint. Sogar ein Krimi-Museum gibt es dort. Doch die grausamsten Geschichten schreibt immer noch das Leben.

Urteil im Mord-Prozess Lolita Brieger erwartet

Der wegen Mordes an Lolita Brieger angeklagte Josef K. wurde freigesprochen.

(Foto: dapd)

Im Eifel-Örtchen Frauenkron verschwand am 4. November 1982 eine junge Frau. Hübsch war sie, gerade mal 18 Jahre alt, und schwanger, vom Sohn eines reichen Milchbauern im Ort. Sie hieß Lolita, er heißt Josef. Es hätte eine Liebesgeschichte werden können, wenn, ja wenn Lolita nicht womöglich der falschen Schicht angehört hätte. Sie war keine Bauerstochter, ihre Familie besaß keinen einzigen Hektar, sie war arm und am Rand der Gesellschaft. In den achtziger Jahren war das für manche ein Problem in Frauenkron in der Eifel.

Fast 30 Jahre nach Lolitas Verschwinden stand ihr Ex-Freund Josef K. in Trier vor Gericht. Der Staatsanwalt plädierte auf Mord, in seinen Augen musste Lolita sterben, weil sie nicht zur reichen Bauernfamilie passte. Weil der alte Bauer seinem Sohn immer wieder drohte, er werde ihn vom Hof jagen, falls der sich weiterhin mit einer wie Lolita abgibt.

Glaubt man der Anklage, so hat sich Josef für den Hof entschieden und Lolita an jenem Tag erdrosselt. "Er hat sie zum Schluss als letztes Stück Dreck bezeichnet und auch genauso entsorgt", sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Das klang durchaus schlüssig, aber es überzeugte das Trierer Landgericht nicht. Es sprach Josef K. am Montag überraschend frei, die Beweise erschienen den Richtern nicht ausreichend. Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht, die Geschichte von Lolita und Josef wird vermutlich in die nächste Instanz gehen.

Lolita lag nur 400 Meter von ihrem Elternhaus entfernt

Was wirklich mit Lolita geschah, das wusste 29 Jahre lang fast niemand im Ort. Josef soll laut einer Zeugin behauptet haben, er habe ihr 20 000 Mark gegeben für die Abtreibung, sie sei dann in Holland geblieben, arbeite dort als Prostituierte und nehme Drogen. In Wirklichkeit lag Lolita nur 400 Meter von ihrem Elternhaus entfernt.

Im vergangenen Herbst rollte ein engagierter Ermittler den Fall noch einmal auf, brachte ihn ins Fernsehen, zapfte Telefone an in Frauenkron. Als er Josefs Jugendfreund Michael schon eine Stunde lang vernommen hatte, war das jahrzehntelange Schweigen endlich gebrochen, da begann der frühere Betriebshelfer zu reden. Er erzählte, wie Josef an jenem Tag im November zu ihm fuhr und ihn um Hilfe gebeten habe, er habe die Lolita erwürgt. Wie sie zusammen die Leiche zur nahen Müllkippe gefahren, sie abgelegt und mit Müll bedeckt haben.

Zwei Wochen suchten die Ermittler vergangenen Herbst im Müll, dann hatten sie Lolita gefunden. An ihrem Pullover hingen noch die rostigen Reste des Drahts, mit dem sie erdrosselt wurde.

Josef K. ist heute 51 Jahre alt, ein stattlicher Kerl, der längst den Hof des Vaters leitet. Er kam mit Krawatte ins Gericht, faltete die Hände und betrachtete sie schweigend. Im Prozess sagte er nichts. Nur in seinen Telefonaten, abgehört von den Ermittlern, gewährte er einen Blick in sein Inneres, unfreiwillig. Lolita nannte er nie beim Namen, stattdessen sprach er wie über einen Gegenstand: "das Frauenmensch", hieß sie für ihn, oder nur "es". Ihre Familie? "Gesindel".

Kurz vor ihrem Tod schrieb Lolita einen Brief an Josef, eine Schwester fand ihn. Lolita wünscht Josef darin alles Gute für seinen geplanten Neuanfang. "Ich liebe dich", schreibt sie am Schluss. "Es grüßt dich dein letztes Stück Dreck".

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