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Umstrittener Profiler:Erstickt, erstochen, stranguliert: Der Fall der 19-jährigen Heike Rimbach

Das neueste, seit einigen Wochen in den Läden, heißt "Der Profiler". Es geht darin um Fälle aus seiner Dienstzeit, vor allem aber um seinen ersten Fall als Privatermittler: um den noch immer ungelösten Mord, der ihn in den Harz geführt hat. Nur wenige Kilometer von dem ehemaligen Bordell entfernt war vor 20 Jahren Heike Rimbach, in ihrem Elternhaus getötet worden. Ihr Vater fand die 19-Jährige an einem Augusttag. Erstickt, erstochen, stranguliert.

Jemand hatte auf ihren Hals eingestochen, genau wie der Angreifer im Bordell zehn Jahre später. Weil Mörder mit Messern meist auf Brust und Bauch losgehen, war es womöglich derselbe Täter.

Die Mutter der Toten, Maria Rimbach, versucht zwei Jahrzehnte nach der Tat mit verzweifelter Vehemenz, den Mörder zu finden. Sie geht in Talkshows, schreibt einen Blog. Und sie hat Axel Petermann engagiert. Der übernahm den Fall kostenlos - aber unter der Bedingung, die Geschichte im Buch mit Namen veröffentlichen und verkaufen zu können. Maria Rimbach zögerte keine Sekunde. Solange der Mörder frei herumlaufe, könne der Name der Tochter nicht präsent genug sein, findet sie.

Andere Ermittler lässt das erschaudern. Einige von ihnen sagen anonym, sie selbst würden niemals auf diese Weise Profit aus Verbrechen schlagen. Wenn Fallanalytiker Bücher schreiben, dann sachliche Abhandlungen. Harald Dern etwa, Bundeskriminalamt, ist Autor des Buches "Profile sexueller Gewalttäter. Theoretische Grundlagen und praktische Anwendung der Operativen Fallanalyse", das so nüchtern und analytisch ist, wie es der Titel verspricht. Alexander Horn, Leiter der bayerischen Dienststelle für Operative Fallanalyse, schreibt im Sachbuch "Die Logik der Tat", die meisten Kollegen bezeichneten sich selbst nicht als Profiler. Sie "mögen die Mythen nicht, die sich darum ranken." Sie arbeiteten im Team, nach einem 38-seitigen Katalog an Qualitätsstandards. Als möglichst namenlose Dienstleister für klassische Ermittler. Das Narrativ vom Helden, der das Böse besiegt, wenn die Polizei scheitert, finden sie albern. Es ist die Logik, nach der Petermanns Bestseller funktionieren - und spätestens seit der Pensionierung auch seine Arbeit.

Profiling Im Kopf der Schwerverbrecher
Profiler bei der Polizei

Im Kopf der Schwerverbrecher

Grausame Szenen beschreibt er in nüchternem Ton, aber wie ein Monsterjäger sieht er nicht aus: Alexander Horn ist Tätern bereits auf der Spur, wenn andere noch völlig im Dunkeln tappen - etwa dem Maskenmann oder den NSU-Tätern. Wie einer der bekanntesten Profiler Deutschlands ermittelt.   Von Florian Fuchs

Sie greift nach dem Kugelschreiber und zeigt, wie der Mann mit dem Messer auf ihren Hals zielte

Das Buch über den rätselhaften Fall Rimbach ist beendet, die Ermittlung nicht. In dem Haus, das ein Bordell war, hängt beißend der Geruch von Hundepisse. Petermann zwängt sich durch den vollgestellten Flur, hinter verschlossenen Türen scheppert zorniges Gekläffe. "Hier war der Mord", ruft der Mann. Er stemmt sich gegen eine verkeilte Tür, ein Hund stürzt hechelnd heraus. Das Zimmer ist ein großer Abstellraum. Vor den Blutfleck haben die Bewohner bunt gestreifte Tapete geklebt und einen Schrank gerückt. "Mit Putzen war nix zu machen", sagt der Mann. Petermann schreitet die Wände ab, zählt die Schritte zum Flur, von der Stelle aus, an der die Frau verblutete, während ihre Kollegin ins Freie rannte.

Der Tag zuvor: Petermann besucht ebenjene Kollegin in ihrer winzigen Wohnung. Zuerst kauert sie auf ihrem abgewetzten Sessel, die Arme um die Knie geschlungen, Lippenstift verrutscht, Narben am Hals. Immer wieder bittet Petermann, den Tag vor zehn Jahren Minute für Minute zu beschreiben und vorzuspielen. Die Thailänderin antwortet in wackeligem Deutsch, sie kniet sich auf den Boden, die Hände schützend über dem Kopf. Wie damals, als der Mann auf sie losgegangen war.

"Und dann?"

, fragt Petermann.

"Ich bin nach draußen gerannt."

"Gab es vorher kein Gerangel?"

"Doch." Die Frau wirft sich auf den Rücken. "Er saß auf mir, wollte mich mit dem Messer töten." Sie greift nach Petermanns Kugelschreiber und zeigt, wie der Mann mit dem Messer auf ihren Hals zielte. Wie sie in die Klinge griff, die Knöchel weiß hervortraten. Wie sie ihm all ihre Kraft entgegensetzte, bis er abließ. Sie steht auf, blickt auf ihre vernarbten Hände.

"Und dann?" "Bin ich nach draußen." Ihre Stimme ist ein Flüstern. Dann läuft sie los, über den krümeligen Teppich zur Tür, wie damals, bevor sie aus dem Haus ins Freie rannte, während ihre Kollegin drin verblutete.

Tags darauf versucht Petermann bei Hundegebell, sich jede ihrer Bewegungen am Tatort vorzustellen. So lange, bis er alles vor sich sieht. Dann nickt er dem plappernden Mann zu, verschwindet über die drei Stufen ins Freie, presst die Augen zusammen und atmet auf.

"Die Kenntnis des übelsten Verbrechens ist leichter zu ertragen als die Ungewissheit."

Warum verbringt man seinen Ruhestand mit Mordfällen? Mit Verzweiflung, Hundepisse, Blut? Nachfrage abends beim Griechen. Petermann erzählt bei Leber und Pommes, er habe sich als junger Mann bei der Polizei beworben, um dem Wehrdienst zu entgehen. "Ich habe schnell gemerkt, wie faszinierend der Mord, das Böse, die Gewalt sind." Der Schnauzbart verschwindet einen Moment lang hinter einer Papierserviette. "Zum Glück war ich immer auf der richtigen Seite."

Ob es ihn stört, dass er sich mit seiner Leidenschaft für den Beruf bei Kollegen nicht nur beliebt macht? Er seufzt. "Ich bin eben anders. Ich will auch gar nicht wie sie sein." Und, Ruhestand hin oder her: Seit ein Freund sein Kind durch ein Verbrechen verloren hatte, wisse er, wie schwer Ungewissheit für Angehörige sei. "Die Kenntnis des übelsten Verbrechens ist leichter zu ertragen als die Ungewissheit."

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Am nächsten Tag sitzt er bei Maria Rimbach am Küchentisch, die den Mörder ihrer Tochter seit 20 Jahren sucht. Sie trägt kurz geschnittene, ergraute Locken und eine Bluse. Eine Wanduhr tickt. Petermann sagt in warmem Erklärton, dass die Ermittlung im Bordell ins Leere gelaufen sei. Der Fall dort habe mit der Tochter nichts zu tun. "Der Mörder dort war wohl einer, der Prostituierte oder Frauen hasst." Er sei chaotisch vorgegangen, habe seine Opfer wahrscheinlich gar nicht gekannt. Heike Rimbach aber, da sei er sicher, wurde von einem Bekannten getötet, erstickt, erstochen, erhängt. "Overkill", sagt Petermann. Maria Rimbach nickt.

"Wie machen wir weiter?", fragt sie. Er werde sich noch einmal bei Heikes Freunden umhören. Jedes Gespräch ein Schritt zur Wahrheit, vielleicht. Dann greift Petermann nach seiner Umhängetasche und zieht einen dicken Umschlag heraus.

"Ihr Buch?", fragt sie.

Er nickt. Sie solle es in Ruhe lesen, sagt er. Und nicht erschrecken, er habe alle Vermutungen zum Tod ihrer Tochter aufgeschrieben. Auch, dass er sie selbst und ihren Mann, Heikes Vater, zu den Verdächtigen gezählt habe. Maria Rimbach nickt.

Sie weiß alles über den Tod ihrer Tochter. Kennt jedes winzige, grausame Detail aus den Akten. Die Bilder vom Seziertisch sind quälend in ihren Kopf eingebrannt, sagt sie. Der zerbrechliche, zerbrochene Körper ihres Kindes auf einer weißen Papierbahn. Am meisten aber quält sie, dass sie zugleich nichts weiß. "Ich gebe keine Ruhe, bis feststeht, wer das getan hat", sagt sie und dreht den Umschlag zwischen ihren Händen. "Ich auch nicht", sagt Axel Petermann. Er lächelt, auch wenn er es sehr ernst meint.