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Überschwemmungen in Deutschland:Wasser strömt in Ortsteil von Magdeburg

Hochwasser in Sachsen-Anhalt - Magdeburg

Das steigende Hochwasser der Elbe in Magdeburg. 

(Foto: dpa)

Die sieben Meter hohe Kaimauer kann die Flut nicht länger aufhalten, der Stadtteil Rothensee in Magdeburg läuft voll. Alte und kranke Menschen wurden in Sicherheit gebracht. Magdeburgs Oberbürgermeister erwartet "das größte Hochwasser in der Geschichte unserer Stadt". Mehrere Deiche in Sachsen-Anhalt geben dem Druck des Wassers ebenfalls nach. Die Altstadt von Wittenberge wird evakuiert.

Durchweichte Deiche, erschöpfte Helfer, evakuierte Stadtviertel - noch immer plagt das Hochwasser die Bundesrepublik. Während die Pegel im Süden langsam sinken, bedroht die Flut nun vor allem Sachsen-Anhalt und Teile Sachsens und Brandenburgs. Im Norden rüsten sich die Anrainer der Elbe für die heranrollende Flutwelle, die an diesem Wochenende erwartet wird. In Halle an der Saale wurde der Katastrophenfall hingegen aufgehoben.

In Sachsen-Anhalt spitzt sich die Lage vor allem in Magdeburg zu. Dort läuft aktuell der Stadtteil Rothensee voll. Der Strom wurde abgestellt, die Bürger aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Das Wasser der Elbe sei mittlerweile so hoch gestiegen, dass es über eine Hauptstraße in die tiefer gelegene Siedlung strömt. "Wir wissen nicht, wie viel Wasser kommen wird", sagte Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD). Ohne Panik, aber so schnell wie möglich sollten die Leute ihre Häuser verlassen, lautete die Anweisung. Sie sollten sich darauf einrichten, etwa eine Woche anderswo unterzukommen.

Die Kaimauer am Industriehafen sei sieben Meter hoch. "Es hat keiner geahnt, dass sie noch höher sein muss, das gab es noch nie", sagte Trümper. "Es kommt keine Flutwelle, aber der Ortsteil läuft voll." Der Pegelstand habe bereits fast 7,40 erreicht, normal seien zwei Meter. In der Nacht zum Montag werde ein Pegel von 7,45 Meter erwartet. Nach den Prognosen soll der Pegel frühstens am Mittwoch wieder unter sieben Meter fallen. Auch andere Stadtteile seien immer stärker gefährdet. Nicht nur die immer brüchiger werden Deiche, auch die vollen Abwässerkanäle bereiteten immer mehr Probleme, sagte Trümper.

Magdeburgs Oberbürgermeister erwartet "das größte Hochwasser in der Geschichte unserer Stadt". Den Magdeburgern stehe ein "dramatisches Wochenende" bevor, sagte Lutz Trümper (SPD). Im Einsatz seien derzeit 3.000 Hilfskräfte, darunter 1.000 Bundeswehrsoldaten.

Hochwasser in Sachsen-Anhalt - Magdeburg

Wasserretter der DLRG sind in Magdeburg in einer vom Hochwasser der Elbe überfluteten Bleckenburgstraße unterwegs und helfen den Anwohnern. 

(Foto: dpa)

Die Elbe schwillt weiter an, ihr Scheitel wird für Sonntag erwartet. Nach Angaben der Stadt hat das Wasser an der Strombrücke am Samstagmorgen eine Höhe von 7,30 Metern erreicht. Die Elbe steht derzeit über einen halben Meter höher als beim Hochwasser 2002.

Das Hochwasser bringt die Menschen vor allem im Osten Deutschlands an ihre Grenzen. In mehreren Orten an der Elbe und der Saale hielten Deiche den Wassermassen nicht mehr stand oder waren akut gefährdet. Tausende Flutopfer mussten sich in Sicherheit bringen. Besonders dramatisch war die Lage am Samstag in Sachsen-Anhalt: Kleine Dörfer wurden nahezu komplett evakuiert. Hunderte Helfer aus Nordrhein-Westfalen sind auf dem Weg ins Hochwassergebiet. Die Landesregierung hat das Ladenschlussgesetz aufgehoben, damit Helfer und Flutopfer sich auch am Abend in Baumärkten und Lebensmittelgeschäften eindecken können.

In Bitterfeld scheint sich die Lage derweil langsam zu entspannen. Nach tagelangem Bangen angesichts steigender Fluten sei die Lage zwar immer noch ernst, erklärte eine Expertenkommission. Aber alle bisher ergriffenen Maßnahmen gegen das Hochwasser zeigten Erfolge. Zwar könnten die evakuierten Einwohner Bitterfelds vorerst nicht zurück in ihre Häuser, erklärten die Experten. "Vorsichtiger Optimismus ist jedoch erlaubt." Wo das Wasser allerdings wieder abfließt, bleiben stinkender Schlamm und Sperrmüllberge zurück.

Auch in den Hochwassergebieten in Sachsen bleibt die Lage angespannt. Der Scheitelpunkt ist zwar inzwischen durch das Bundesland durchgezogen, das Wasser geht allerdings nur langsam zurück. Nahe Großtreben-Zwethau strömte durch einen defekten Deich Wasser landeinwärts, zurzeit wird unter Zuhilfenahme von Hubschraubern der Bundeswehr versucht, das Loch mit großen Sandsäcken abzudichten. Etwa 500 Menschen wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen, wie ein Sprecher des Landratsamts in Torgau sagte. Die Bundeswehr und Fachleute versuchten, den Deich an der Elbe wieder zu verschließen. Die Wassermassen fließen nur zentimeterweise ab, nach wie vor stehen Orte und Stadtteile unter Wasser, sind Straßen und Brücken gesperrt und der Bahnverkehr behindert. Etwa 12.000 Menschen harren in Sachsen noch weiter in Notquartieren, bei Verwandten und Freunden aus. Allein in Dresden sind tausende Haushalte ohne Strom.

Auf dem Weg zu einem Hochwassereinsatz in Sachsen sind acht Feuerwehrleute verletzt worden, einer von ihnen schwebt in Lebensgefahr. Der Fahrer eines Löschfahrzeugs sei bei Delitzsch von der Fahrbahn abgekommen und mit dem Wagen gegen ein Haus geprallt, teilte das Innenministerum mit. Dabei seien drei Männer schwer verletzt worden, einer lebensgefährlich.

Im Mühlberg in Brandenburg hat die Elbeflut am Freitag ihren höchsten Punkt erreicht, der Druck auf den Deich nahm weiter zu. In der Stadt mussten nach Schätzungen der Polizei etwa 4500 Bürger ihre Häuser und Wohnungen verlassen - an eine Rückkehr ist bisher nicht zu denken, hieß es. Mit 9,88 Metern lag der Wert am Freitagnachmittag zehn Zentimeter unter dem der Jahrhundertflut 2002. Die Lage sei weiterhin ernst, hieß es.

Hochwasser in Sachsen-Anhalt - Magdeburg

Mit Schlauchbooten bringen Anwohner in Magdeburg ihr Hab und Gut ins Trockene. 

(Foto: dpa)

Auch die Altstadt von Wittenberge (Brandenburg) wird seit Samstagabend aus Sorge vor dem Hochwasser der Elbe evakuiert. Etwa 1500 Einwohner sollen ihre Wohnungen verlassen, sagte der Landrat des Kreises Prignitz, Hans Lange. Lautsprecherwagen der Polizei fordern die Anwohner dazu auf. Für Teile der Stadt besteht ein hohes Überflutungs-Risiko. Gegen 19.15 Uhr erreichte die Elbe bei Wittenberge einen historischen Höchststand von 7,45 Meter. Das war ein Zentimeter mehr als beim bisherigen Rekord im Jahr 1880. Am Abend stieg der Fluss immer noch weiter - um fünf bis zehn Zentimeter pro Stunde. "Mit so einer Entwicklung konnte nicht gerechnet werden", sagte Lange.

Trotz des äußerst langsam abfließenden Hochwassers, entspannt sich die Lage in Bayern. Straubing hat den Katastrophenalarm aufgehoben. In Deggendorf haben die aufgeweichten Deiche bislang gehalten - noch kann jedoch keine vollständige Entwarnung gegeben werden. Zumal die Wasserstände wegen Regenschauern und Gewittern am Wochenende wieder leicht steigen könnten. Dennoch: Die Aufräumarbeiten dauern an. "Es ist eine stinkende Brühe", sagte ein Stadtsprecher in Deggendorf. Mit schweren Räumfahrzeugen reinigte die Bundespolizei Straßen von Schlamm und Treibgut. Bewohner schaufelten die Überreste der Flut aus ihren Häusern. In einer Schule stapelten sich gespendete Kleidung, Schuhe, Zahnbürsten und Duschgel. Bäckereien brachten Kuchen und Gebäck. Die Anteilnahme sei unglaublich, sagte Schulleiter Robert Seif. "Die Flutkatastrophe schweißt die Menschen im Raum Deggendorf zusammen."

Der Süden hat damit bereits hinter sich, was dem Norden Deutschlands möglicherweise noch bevorsteht. In Niedersachsen hoffen die Menschen wieder: Nachdem die Prognosen für die höchsten Pegelstände zwei Tage in Folge nach unten korrigiert wurden, setzen jetzt viele Anwohner darauf, dass es für sie diesmal doch nicht so schlimm kommt wie bisher befürchtet. Bundesweit sind laut dem deutschen Feuerwehrverband 70.000 Feuerwehrleute im Einsatz. Das Verteidigungsministerium spricht von mehr als 11.300 Bundeswehrsoldaten, die derzeit gegen die Fluten kämpfen.

In Schleswig-Holstein herrscht hingegen Alarmstimmung. Am kommenden Donnerstag soll der Pegel in Hohnstorf (Landkreis Lüneburg) auf der anderen Elbseite von Lauenburg bei einem historischen Höchstwert von 10,10 Meter stehen, berichtete der Sprecher des Krisenstabes in Lauenburg. Zeitpläne für die Evakuierung der Altstadt und der Elbstraße werden erarbeitet. Höchster jemals gemessener Wasserstand am Pegel Hohnstorf waren 9,88 Meter.

Mehr Geld für die Betroffenen

Hochwasser in Sachsen-Anhalt - Magdeburg

Der Stadtteil Rothensee im Norden der Stadt Magdeburg läuft voll. 

(Foto: dpa)

Noch bevor die Flutwelle den Norden erreicht hat, verlangen mehrere Ministerpräsidenten von der Bundesregierung mehr Unterstützung. "Wir werden für die Beseitigung der Schäden und den Wiederaufbau erhebliche Summen benötigen", sagte Thüringens Regierungschefin, Christine Lieberknecht (CDU), im Bundesrat. Nötig sei auch Hilfe von der EU. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sagte, für den Wiederaufbau seien mehr als die vom Bund zugesagten 100 Millionen Euro nötig.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) forderte zur Bewältigung der Hochwasserkatastrophe die Solidarität der anderen Bundesländer. "Das ist eine nationale Aufgabe, da müssen die 16 Bundesländer und der Bund zusammenhalten", sagte Haseloff der Mitteldeutschen Zeitung. Nötig sei ein "nationaler Wiederaufbaupakt".

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) deutete an, dass die Finanzhilfen für Flutopfer falls nötig aufgestockt würden. Bisher hat der Bund 100 Millionen Euro Soforthilfe zugesagt. Steuererhöhungen seien trotz des hohen Schadens nicht nötig, sagte Schäuble der Passauer Neuen Presse.

Regierungssprecher Steffen Seibert bekräftige, dass die Bundesregierung bereit sei, mehr als die bislang zugesagte Summe an Soforthilfe bereitzustellen. Zunächst müssten nach dem Ende der Hochwasser-Katastrophe die Gesamtschäden bewertet werden. Die Umweltminister der Länder beschlossen in Oberhof, nach der Hochwasserkatastrophe in weiten Teilen Deutschlands eine Fehler- und Schwachstellen-Analyse vorzulegen.

Allein für die Wirtschaft werden sich die Flutschäden nach Befürchtungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags DIHK auf mehr als elf Milliarden Euro belaufen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium bezifferte die Schäden in der Landwirtschaft mit bundesweit 173 Millionen Euro. Die Summe werde wohl noch steigen.