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Tod einer Dreijährigen in Hamburg:"Mit gesundem Menschenverstand nicht zu verstehen"

Kerzen für das Missbrauchsopfer Yagmur

Wurde nur drei Jahre alt: Yagmur aus Hamburg.

(Foto: dpa)

Im Dezember vergangenen Jahres verblutete die dreijährige Yagmur an einem Leberriss, ihre Eltern sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Schuld trifft offenbar auch die Hamburger Behörden. Ein Mediziner hatte das Mädchen schon Monate vor ihrem Tod in Gefahr gesehen.

Ein Hamburger Rechtsmediziner hielt die kleine Yagmur schon Monate vor ihrem gewaltsamen Tod für "hochgradig gefährdet". Das berichtete der Experte Klaus Püschel am Donnerstag im Familienausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft.

Die drei Jahre alte Yagmur verblutete am 18. Dezember 2013 innerlich. Der Vater soll sie zu Tode gequält, die Mutter nichts dagegen unternommen haben. Beide sitzen in Untersuchungshaft. Püschel erklärte, dass er bei Untersuchungen am 31. Januar 2013 "massive Verletzungen" an Kopf und Bauch festgestellt habe, deren Ursache kein Unfall sein könne. Deshalb habe er einen Tag später Anzeige erstattet, fügte der Experte hinzu. Dies sei ein "extrem ungewöhnlicher Vorgang".

Das Mädchen wurde seit seiner Geburt vom Jugendamt betreut. Es war zu einer Pflegemutter gegeben worden, immer wieder kam es aber auch zu Begegnungen mit den leiblichen Eltern, die das Sorgerecht besaßen. Obwohl die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen waren, durfte Yagmur Mitte vergangenen Jahres wieder zu ihren Eltern ziehen.

"Man wusste, dass es eine Misshandlung war"

Nach der Anzeige des Rechtsmediziners gab das Jugendamt Yagmur vorübergehend in eine Einrichtung. Grund: Die Pflegemutter soll sich selbst bezichtigt haben, möglicherweise für die Verletzung des Kindes Anfang 2013 verantwortlich gewesen zu sein - deshalb wurde zuerst auch gegen sie ermittelt.

Doch erst im Herbst 2013 habe die Hamburger Staatsanwaltschaft angefragt, ob die Schilderungen der Pflegemutter zur Verletzung des Kindes passten, sagte Püschel. Er habe das verneint. Im November stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die leiblichen Eltern und die Pflegemutter ein. "Man wusste, dass es höchstwahrscheinlich eine Misshandlung war", hatte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft dazu kürzlich erklärt. "Es konnte aber nicht aufgeklärt werden, wer für die Verletzung verantwortlich war."

Warum bereits im Sommer entschieden wurde, das Kind trotz laufender Ermittlungen bei den leiblichen Eltern leben zu lassen, sei "mit gesundem Menschenverstand nicht nachzuvollziehen", monierte die Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke. Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) erklärte, seine Behörde wolle weiterhin erst den Bericht der unabhängigen Jugendhilfeinspektion abwarten. Dieser wird für Ende Januar erwartet und soll klären, ob die Behörden Fehler bei der Betreuung des Mädchens gemacht haben.

© dpa/fie/sks
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