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Tiger-Attacke in Hamburg:"Tiger sind zum Töten geboren"

Drei Tiger haben einen Dompteur angefallen - offenbar im Spiel. Warum man Raubtiere dressieren, aber nie zähmen kann, erklärt ein Tierarzt für Exoten.

Sarah Ehrmann

Die größte lebende Raubkatze wird "König des Dschungels" genannt und jagte dem Menschenkind Mogli in Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" gehörig Angst ein. Denn so anmutig Tiger aussehen - sie sind und bleiben Raubtiere, auch wenn sie in Tierparks faul in der Sonne liegen oder in Tiershows und im Zirkus durch Reifen springen.

Notarztwagen fahren am Dienstagabend in Hamburg in den Tierpark Hagenbeck. Der Dinner-Zirkus hat dort ein blutiges Ende genommen.

(Foto: Foto: ddp)

Am Dienstagabend gab es wieder einen Zusammenstoß zwischen Tigern und einem Menschen: Kurz vor Beginn einer Show des Dinner-Zirkus in der Alten Hagenbeck'schen Dressurhalle in Hamburg wurde der 28-jährige Dompteur Christian Walliser lebensgefährlich von dreien seiner fünf Tiger angegriffen.

Sie wollten mit ihm spielen

Während die ersten Gäste in die Halle eingelassen wurden, sei der für den Dinner-Zirkus engagierte Tierlehrer im Zentralkäfig gestolpert und habe dadurch für einen Augenblick die Kontrolle über seine fünf Jungtiere verloren. Diese hätten daraufhin begonnen "mit ihm zu spielen" und ihn dabei lebensgefährlich verletzt, teilte Veranstalter Stefan Pagels in einer Stellungnahme im Internet mit.

Nach seinen Angaben handelte es sich allerdings nicht um einen böswilligen Angriff. Die Jungtiere seien lediglich einer natürlichen "spontanen Reaktion" gefolgt.

Dass man die anmutigen Raubkatzen nicht zähmen kann, musste selbst Tierparkgründer Carl Hagenbeck zu Beginn des 20. Jahrhunderts feststellen. Er war im Freigehege gestürzt und wurde daraufhin von "seinen Löwen" angegriffen. Er überlebte den Angriff nur, weil ihm sein Lieblingslöwe Triest zu Hilfe kam - es war wohl eine ganz außergewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden.

Zoo ohne Gitter

Heute schmückt eine Bronzestatue des Löwen das Grab Hagenbecks, der für sein Fähigkeiten als "Raubtierflüsterer" bekannt war. Seiner Einstellung zu Tieren ist es auch zuzurechnen, dass Hagenbecks Tierpark als Zoo ohne Gitter gestaltet wurde.

Die Dinner-Zirkus-Show, in der sich jetzt der Unfall ereignete, gehört allerdings nicht zu Hagenbecks Tierpark, auch wenn sie sich auf dem Gelände befindet. "Wir haben die Alte Dressurhalle vom Tierpark Hagenbeck gepachtet - ansonsten gibt es aber keine Verbindungen dazu", sagte Direktorin Korinna Pagels auf Anfrage von sueddeutsche.de. Die Dinner-Zirkus-Tiere seien nicht für die Zoo-Besucher zu besichtigen.

Gesundheitszustand unbekannt

Über den Zustand des Augsburger Dompteurs, der in der vergangenen Wintersaison auch im Münchener Circus Krone mit seinen Tigern aufgetreten war, und am Dienstagabend lebensgefährlich verletzt wurde, habe sie im Moment "noch keine weiteren Informationen".

Die Tigernummer im Dinner-Zirkus ist nur eine Attraktion von vielen, neben Auftritten von Clowns, Artisten und Luftakrobaten. Neben dem Dinner-Zirkus mit Ticketpreisen zwischen 80 und 150 Euro und Gästen wie Altbundeskanzler Helmut Schmidt, Franz Beckenbauer, Medienzaren und Prominenten finden in der Alten Dressurhalle aber auch Award-Verleihungen, Automobilpräsentationen, Versteigerungen edler Pferde, Ballnächte und Hauptversammlungen sattt.

Wie einst bei Siegfried & Roy

Dass Raubkatzen nie gezähmt, sondern lediglich dressiert werden können, wurde vielen Tierfans spätestens nach der Attacke auf den Magier Roy des Showduos Siegfried & Roy im Jahr 2003 bewusst. Damals hatte sich in Las Vegas der 300 Kilogramm schwere Tiger Montecore auf die Hinterläufe gestellt und dem Dompteur Roy Horn zuerst in den Arm und dann in den Nacken gebissen und ihn hinter die Bühne geschleift.

In einem späteren Interview sagte Roy, dass es kein Angriff, sondern ein Unfall gewesen sei. Der weiße Tiger habe offenbar gespürt, dass etwas nicht stimmte - Roy habe auf der Bühne zuvor einen leichten Herzinfarkt erlitten - und ihn daraufhin hinter die Bühne in Sicherheit zu bringen versucht. Dabei verletzte der Tiger den Magier allerdings so schwer, dass dieser einen Hirnschlag erlitt und bis heute teilweise gelähmt ist.

In den etwa 5700 Vorstellungen mit 63 Raubkatzen hatte es zuvor nie Zwischenfälle gegeben.

Der Instinkt zum Töten

Der Exoten-Tierarzt Robert Fitz behandelt in seiner Klinik in Gessertshausen bei Augsburg auch immer wieder Tiger, doch auch er kann sich nur bedingt erklären, warum ein Tiger plötzlich angreift: "Tiger sind Räuber, die zum Töten geboren sind, dessen muss man sich bewusst sein", sagte er zu sueddeutsche.de. Allerdings würden sie ihren Dompteur nicht angreifen, wenn er einen Toleranzabstand von ein bis zwei Metern einhalte und sie frontal anschaue. "Wird dieser Abstand unterschritten, beispielsweise durch einen Sturz, kann es sein, dass beim Tiger ein Schalter umgelegt wird, und dann ist alles vergessen."

Der Tiger greift dann eventuell den Menschen an, mit dem er jahrelang zusammengearbeitet hat. Auch wenn man den Raubkatzen den Rücken zuwendet, könnten sie eine Chance zum Angriff wittern und "der Instinkt zu töten, um zu fressen" wird wach. Da Tiger in der Natur Einzelgänger sind, sei ihr Rangordnungssinn außerdem nicht so ausgeprägt wie beispielsweise bei Löwen. Das erschwere die Dressur.

Hagenbecks Tierpark nimmt Abstand von dem Unfall im Dinner-Zirkus: Weder Zoo-Tiere noch Mitarbeiter seien in die Programmvorbereitung und -gestaltung des Dinner-Zirkuss eingebunden, sagte Michaela Geist, Pressesprecherin des Tierparks. Der lebensgefährlich verletzte Dompteur Christian Walliser sei kein Tierpfleger des Tierparks und die Sibirischen Tiger in Hagenbecks Tierpark seien nicht Teil der Show. Korinna und Stefan Pagels seien seit 1999 ausschließlich Pächter der Alten Dressurhalle: "Alle Events führen sie in Eigenregie, darauf haben wir leider überhaupt keinen Einfluss", sagte Tierpark-Sprecherin Geist zu sueddeutsche.de.

Von Hagenbecks Tierpark selbst initiierte Events seien die sogenannten Dinner unter Haien im Tropen-Aquarium. Aber auch das seien keine "Tiershows", sondern die Gäste könnten in gemütlicher Atmosphäre mit Blick auf das große Tropenaquarium zu Abend essen - und der auf der Homepage des Tierparks angekündigte "tierische Überraschungsgast" sei mit Sicherheit kein Tiger, sagte Geist.

© sueddeutsche.de/liv

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