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Terroranschlag in Nairobi:Kämpfe mit Geiselnehmern verschärfen sich

Mindestens 68 Tote und 200 Verletzte: In Kenias Hauptstadt Nairobi schießen vermummte Islamisten in einem Einkaufszentrum um sich und nehmen Geiseln. Elitesoldaten drängen sie jedoch zurück. Nach bangen Stunden sieht Präsident Kenyatta nun eine Chance auf ein Ende des Geiseldramas. Auch Obama bietet ihm Hilfe an.

Islamistische Terroristen haben in einem Einkaufszentrum in Nairobi mindestens 68 Menschen getötet und 175 verletzt. Unter Einsatz von Waffengewalt drangen kenianische Elitetruppen am Sonntag tief in das Einkaufszentrum vor, wo die Terroristen der radikalislamischen Miliz Al-Shabaab sich mit Geiseln verschanzt hatten. Über dem vierstöckigen Gebäude kreisten Militärhubschrauber. Das berichtete das örtliche Fernsehen. Am Sonntagabend waren aus dem Einkaufszentrum Schüsse und Granatenexplosionen zu hören. Weitere Sicherheitskräfte und Scharfschützen drangen in das Gebäude ein.

Die Regierung bot die Elitetruppe Recce auf, um die Islamisten zu bekämpfen. Die Recce-Kommandos werden von israelischen Experten ausgebildet. "Die Kriminellen befinden sich jetzt an einem einzigen Ort in dem Gebäude", hatte Präsident Uhuru Kenyatta am Nachmittag gesagt. "Wir haben eine gute Chance, die Terroristen zu neutralisieren." Zuvor hatte er Überlebende in einer Klinik besucht. "Lasst uns zusammen als eine Nation trauern", sagte Kenyatta. Er selbst habe bei der Attacke seinen Neffen und dessen Verlobte verloren.

Obama bietet Unterstützung an

Geiselnahme im Einkaufszentrum

Terroristen halten Nairobi in Atem

Das Einkaufszentrum gehört zum Teil einem israelischen Eigentümer. Israelis waren in Kenia schon mehrfach Ziel von Anschlägen. Im November 2002 gab es zwei Angriffe bei Mombasa. Dabei wurde eine Rakete auf ein gerade abhebendes israelisches Passagierflug abgefeuert, die ihr Ziel aber verfehlte. Fast gleichzeitig fuhr ein mit Sprengstoff beladenes Auto in ein Hotel, das einen israelischen Eigentümer hat.

Kenyatta telefonierte am Sonntag mit US-Präsident Barack Obama. Dieser übermittelte dem Kollegen in Nairobi sein Beileid. Obama habe bekräftigt, dass die USA zur Unterstützung bei der Strafverfolgung der Täter bereitstünden, hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses. Er habe außerdem die "starke und historische Partnerschaft" beider Länder unterstrichen sowie deren "gemeinsames Engagement beim Kampf gegen Terrorismus und bei der Förderung von Frieden und Wohlstand in Ostafrika und aller Welt".

Nach dem Angriff am Samstagmittag verschanzen sich noch immer Angreifer mit mehreren Geiseln in dem Gebäudekomplex. Auch am Sonntag dauerte der Einsatz der Sicherheitskräfte an. Die Anzahl der Geiseln sei "noch immer unklar, aber sie sind an verschiedenen Orten", teilte das nationale Katastrophenzentrum in der Nacht zum Sonntag mit.

Die oberen Stockwerke der Shopping Mall seien "gesichert", hieß es am Sonntagmorgen. Bislang sei es aber nicht gelungen, mit den Geiselnehmern, bei denen es sich um Anhänger der islamistischen Shebab-Miliz handeln soll, in Kontakt zu treten. "Der Einsatz geht weiter, es darf aber nichts überstürzt werden", sagte ein Militärvertreter vor Ort. "Unsere Teams sind da", sagte er, "wir werden das hier beenden, sobald wir können".

Bis zu zehn Angreifer

Dem Katastrophenschutz zufolge waren sowohl Angestellte als auch Kunden in der Gewalt der Angreifer. In der Nacht konnten demnach bereits fünf Geiseln befreit werden. Die Polizei ging von bis zu zehn Geiselnehmern aus. Wie aus Polizeikreisen weiter verlautete, wurde ein mutmaßlicher Angreifer festgenommen und verletzt ins Krankenhaus gebracht. Er werde als Verdächtiger behandelt und befragt, hieß es.

Der kenianische Innenminister Joseph Ole Lenku teilte mit, dass bei dem Angriff mindestens 59 Menschen getötet wurden. Das kenianische Rote Kreuz sprach am Sonntagvormittag von mehr als 200 Verletzten. Es handelt sich um den schwersten Anschlag in Kenia seit Sprengung der US-Botschaft 1998, bei der mehr als 200 Menschen starben.

Zu den Opfern zählen auch drei Briten. Dies teilte das britische Außenministerium am Sonntag in London mit. Es müsse damit gerechnet werden, dass die Zahl der britischen Opfer weiter ansteigt, hieß es in der Erklärung. Ihre Angehörigen seien informiert worden.

"Die Angreifer wollten mir in den Kopf schießen"

Staatschef Uhuru Kenyatta sagte am Samstagabend in einer TV-Ansprache: "Wir werden den Terrorismus besiegen." Das Rote Kreuz rief zu Blutspenden für die Opfer auf. Augenzeugen schilderten, dass die Angreifer ihre Opfer regelrecht hingerichtet hätten. "Die Angreifer wollten mir in den Kopf schießen, aber sie haben mich verfehlt", sagte Sudjar Singh der Nachrichtenagentur AFP. Binnen Sekunden nach dem Überfall brach Panik aus, Familien rannten mit ihren Kindern auf der verzweifelten Suche nach einem Ausgang umher, auf dem Boden lagen verletzte, blutende Menschen.

Unter den Toten waren nach Angaben der jeweiligen Regierungen auch zwei Französinnen und zwei Kanadier, darunter eine Diplomatin. Die USA und Großbritannien rechneten mit verletzten Staatsbürgern bei dem Angriff. Frankreichs Staatschef François Hollande verurteilte das "feige Attentat" und zeigte sich ebenso wie die Regierungen in Washington und Ottawa entsetzt. Sie sicherten den Betroffenen und der kenianischen Regierung ihre Solidarität zu.

Der UN-Sicherheitsrat verurteilte den "Terrorangriff auf das Schärfste" und betonte, "alle Formen des Terrorismus" müssten bekämpft werden. Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von einem "vorsätzlichen Angriff auf Zivilisten", die sich nicht hätten wehren können.

Angriff auf "Ungläubige"

Am Samstagmittag hatten maskierte und mit automatischen Waffen und Handgranaten bewaffnete Männer die beliebte Westgate Mall angegriffen und das Feuer auf in ihren Augen "Ungläubige" eröffnet. Die somalische Shebab-Miliz schrieb später im Internetdienst Twitter, ihre Kämpfer hätten "mehr als hundert ungläubige Kenianer getötet". Im Einkaufszentrum anwesende Muslime seien verschont und vor dem Angriff "nach draußen eskortiert" worden.

Die Attacke sei eine Vergeltungstat für die in Somalia begangenen "Verbrechen ihrer Soldaten", erklärte die Miliz. Die Botschaft laute: "Zieht eure Truppen aus unserem Land ab." Ein Sprecher der Miliz erklärte später, die Gruppe habe Kenia "vor solchen Angriffen gewarnt", das sei aber ignoriert worden. Die kenianische Armee unterstützt die somalischen Regierungstruppen im Kampf gegen die Shebab-Miliz. Im Jahr 2011 war die kenianische Armee zur Unterstützung in Somalia einmarschiert.