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Suizid auf den Gleisen:Es passiert drei Mal am Tag

Robert Enke ist einer von fast 1000 Menschen, die sich jedes Jahr auf Bahngleisen das Leben nehmen. Experten warnen jetzt vor Nachahmungstaten.

Es passiert durchschnittlich drei Mal am Tag: Ein verzweifelter Mensch nimmt sich das Leben, indem er sich vor einen fahrenden Zug wirft. Meist wird darüber geschwiegen, und die Eisenbahnunternehmen sind extrem zurückhaltend mit Informationen darüber. Sie fürchten den nach Goethes tragischen Helden benannten "Werther-Effekt": eine Welle von Nachahmungstaten. Nach dem Erfolg des Buches "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe, in dem die Hauptfigur Suizid begeht, hatte es im späten 18. Jahrhundert einige wenige Nachahmungstaten gegeben.

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Blumen für Robert Enke am Bahnhof von Eilvese.

(Foto: Foto: dpa)

Am Dienstagabend wählte Nationaltorwart Robert Enke diese Todesart und rückte sie damit ins Licht der Öffentlichkeit. Bereits Anfang Januar hatte sich ein Prominenter vor einen Zug geworfen, der Milliardär Adolf Merckle.

Etwa 800 bis 1000 Fälle pro Jahr gibt es, die Tendenz ist wie bei Selbstmorden in Deutschland allgemein leicht rückläufig. In dieser Zahl sind die gescheiterten Fälle nicht mit eingerechnet, bei denen die Opfer zwar überleben, aber oft mit schwersten Verletzungen und Verstümmelungen.

Immer aber ist es extrem grausam, auch für die Beteiligten, die Verstümmelungen oder Überreste sehen, gerichtsmedizinisch behandeln oder auch nur abtransportieren zu müssen. Jedes Mal ist neben dem Opfer auch mindestens ein Lokführer betroffen.

Schock für Lokführer

Die Bahn äußerte sich am Mittwoch erschüttert über das "tragische Ereignis" und sicherte zu, der Lokführer werde intensiv psychologisch betreut. Statistisch erlebt es jeder Lokführer drei Mal in seiner Berufslaufbahn, dass sich jemand in Selbstmordabsicht vor den Zug wirft. Wie sehr der Eisenbahner davon betroffen ist, hängt von den Umständen und von seiner psychischen Konstitution ab, aber zum Beispiel auch von dem Zugtyp.

Bei strömungsgünstig gestalteten Zugfronten - etwa dem ICE - werden Gegenstände, die bei hoher Geschwindigkeit auf die Zugfront treffen, meist nach oben, also vor die Windschutzscheibe und weiter geschleudert. Bei Regionalzügen - wie in den Fällen Enke und Merckle - rutschen sie unter das Fahrzeug.

Der betroffene Lokführer wird anschließend vom Dienst freigestellt und entsprechend seinen Bedürfnissen psychologisch betreut. Nach dieser Phase wird ebenfalls unter Berücksichtigung der Wünsche des Triebfahrzeugführers entschieden, ob er wieder im Führerstand arbeitet. Wenn nicht, stellt die Bahn eigenen Angaben zufolge sicher, dass er an einem anderen Arbeitsplatz tätig werden kann.

Wie lange es nach einem Selbstmord dauert, bis die Strecke wieder freigegeben wird, hängt ebenfalls von den Umständen ab. In der Regel kann der fragliche Zug nach etwa einer Stunde seine Reise fortsetzen, wenn Staatsanwaltschaft und Spurensicherung ihre Arbeit beendet haben. Für derartige Verspätungen haftet die Bahn gegenüber den Fahrgästen nicht, weil die Ursache außerhalb ihres Einflusses liegt.

"Unverantwortliches Verhalten"

Nach Darstellung der Bahn gibt es, anders als bei Autos, keine Vorkehrungen an den Triebfahrzeugen oder Steuerwagen, die eigens dafür gedacht sind, bei Kollisionen mit Lebewesen deren Überlebenschancen zu erhöhen.

Karl-Peter Naumann, der Bundesvorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn, hat mit großer Bestürzung, aber auch mit kritischen Tönen auf den Selbstmord des deutschen Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke reagiert. "Ich finde solch ein Verhalten unverantwortlich, weil das Leben eines Lokführers stark geschädigt wurde. Andererseits muss Robert Enke ja in einer wahnsinnig verzweifelten Situation gewesen sein", sagte Naumann.

Naumann sagte weiter, dass es bei prominenten Suizid-Fällen häufig einen Trittbrettfahrer-Effekt gibt. Er selbst habe einen Fall von Selbstmord bei einer Führerstandsmitfahrt erlebt. "Das Gute ist, man sieht es kaum. Aber man spürt es deutlich und ist natürlich völlig schockiert. Dieser Fall kann nur ein Aufruf an die Gesellschaft sein, auch marginal erscheinende Probleme immer ernst zu nehmen."

© Thomas Rietig/AP/sid/jab

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