Sprache Die ganze Welt sagt "Ciao"

Touristinnen vor dem Kolosseum in Rom. Auch wenn sie kein Italienisch sprechen, das Wort "Ciao" kennen fast alle.

(Foto: AFP)

Von allen italienischen Wörtern, denen den linguistische Unterwanderung der Welt gelang, ist Ciao offenbar das zweitbekannteste. Bekannter ist nur Pizza. Nun begehen die Italiener den 200. Geburtstag ihres liebsten Grußes.

Von Oliver Meiler, Rom

Fremdwörter gibt's, die sind uns so vertraut, dass sie rund im Mund liegen. Ciao ist so ein Wort. Es kommt aus dem Italienischen und ist so unerhört viel schöner als Hello, Hallo und Hola, dass es sich mittlerweile in den Sprachalltag vieler Länder geschlichen hat. Von allen italienischen Wörtern, denen diese linguistische Unterwanderung der Welt gelang, ist Ciao offenbar das zweitbekannteste. Bekannter ist nur Pizza.

Natürlich ist Ciao eine Spur familiärer als Hallo, aber eben auch lieblicher und praktischer, weil es sowohl zur Begrüßung wie zur Verabschiedung dient. Das c ist ein klares "tsch", es schluckt das i, das a dient nur als kurze Brücke zum offenen o, das sich dann fast beliebig lang dehnen lässt. Je südlicher man geht in Italien, desto stärker dehnt es sich: tschaooo. Im Ciao klingt die ganze, lebensleichte, stets duzende Italianità an. Vielleicht schafft das kein Wort besser.

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Nun begehen die Italiener den 200. Geburtstag ihres liebsten Grußes. 1818 tauchte er erstmals schriftlich auf, in einem Brief des toskanischen Tragödienschreibers Francesco Benedetti. Der arbeitete an der Mailänder Scala. "Diese guten Mailänder", schrieb er einem Freund, "grüßen mich jetzt mit ciau Benedetti." Die Norditaliener dehnen das O nicht so üppig wie die Süditaliener, es hört sich daher wie u an. Das umgängliche Ciao, erklären nun Sprachwissenschaftler, stammt vom lateinischen "sclavum", Sklave, ausgerechnet. Im Veneto und im Friaul grüßte man vom 15. Jahrhundert an mit "s'ciavo", einer phonetischen Anlehnung an sclavum, um dem Gegrüßten respektvollste Untertänigkeit zu versichern.

Die Mutation ist also noch gar nicht lange her. Richtig populär wurde Ciao erst im vergangenen Jahrhundert. Einen Beitrag leistete Johnny Dorelli beim Schlagerfestival von Sanremo 1959, als er "Piove" dahinschmachtete, im Refrain heißt es: "Ciao ciao bambina." Das Ciao zog sich jetzt durch Filme des neorealistischen Kinos, es trug in sich die Leichtigkeit des "Miracolo economico", des Wirtschaftswunders nach dem Krieg. Piaggio nannte einen Motorroller Ciao, ein beliebter Brotaufstrich hieß "Ciao Crem". Und als Italien 1990 die Fußball-WM ausrichtete, nannte es sein Maskottchen, ein Strichmännchen in der nationalen Trikolore, natürlich "Ciao". Weltmeister wurde allerdings Deutschland.

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Ein besonderes und kämpferisches Ciao gerät in diesen politisch konfusen Zeiten wieder in Mode. "Bella ciao", so heißt das Partisanenlied aus dem Zweiten Weltkrieg, Hymne der Antifaschisten und Linken. Es beginnt so: "Eines Morgens wachte ich auf / oh bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao / eines Morgens wachte ich auf / und traf auf den Feind."

Es kommt nun vor, dass Matteo Salvini, der Innenminister von der rechtsnationalistischen und zuweilen faschistoiden Lega, bei Auftritten von Gegnern mit dem alten Widerstandslied bedacht wird. Auch ganz spontan. Viral wurde kürzlich das Handyvideo aus einem Flughafenbus in Rom. Salvini stand inmitten anderer Passagiere, der Bus brachte sie zum Flieger nach Brindisi. Dann hob einer an: "Bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao." Und andere stimmten ein: "Ciao, ciao, ciao." Schön und rund.

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