bedeckt München 18°

Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche:Opfer spielen in dem ganzen Streit eine Nebenrolle

Das war die Chance des KFN-Projektes. Sie ist vertan, und ob sie wiederkommt, ist zweifelhaft. Sie ist vertan, nicht, weil es hier die bösen Bischöfe und dort den guten Pfeiffer gibt. Es traf aber der Anspruch des Instituts, möglichst unabhängig und frei von Auflagen zu arbeiten, auf das Sicherheitsbedürfnis der Bischöfe: Was macht das KFN mit unseren Daten? Was, wenn der uns reinlegt? Aus dem Mut der Verzweiflung im Skandaljahr 2010 ist ein misstrauisch-ängstlicher Blick geworden, der sich letztlich wieder ans Spiegelbild des Selbst heftete.

Institutionellen Narzissmus gibt es überall

Es tröstet wenig, dass dieser institutionelle Narzissmus fast überall zu finden ist, wo sexuelle Gewalt über Jahre hin verdrängt oder vertuscht werden konnte, dass er geradezu Voraussetzung dafür ist, dass Täter ihre Netze des Schweigens, Mitwissens und Ahnens knüpfen können: in der katholischen Kirche, der Odenwaldschule, beim britischen Sender BBC. Es zeigt sich, dass es kein echtes Lernen aus der Gewalterfahrung gibt, wenn dieser institutionelle Narzissmus nicht überwunden wird.

Dazu gehört, dass der Blick von außen auf einen selbst möglich wird, mehr noch: als notwendig für die Selbsterkenntnis betrachtet wird - ob der, der da von außen schaut, nun Christian Pfeiffer heißt oder nicht. Systemprobleme können nur selten von innen heraus erkannt und behoben werden. Und die sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche hat auch systemimmanente Ursachen. Sie nährt sich aus der Vorstellung, dass eine an sich reine Institution von Tätern beschmutzt wurde und nun wieder gereinigt werden müsse. Sie lebt aus der Einsamkeit und Überlastung vieler Priester. Sie bleibt unbewältigt, solange es vorrangig um die Frage geht: Wie stehen wir denn dann da?

Reinigen kann dieser Blick von außen die Kirche nicht. Im Gegenteil wird er das Bewusstsein für die eigenen Abgründe und dunklen Flecken schärfen. Aber erst, wenn die Kirche diese Abgründe sieht, wird sie den Blick vom Spiegelbild abwenden können: zunächst hin zu den Opfern, die in diesem ganzen Streit höchstens eine Nebenrolle spielen. Und dann zu den Menschen, um derentwillen die Kirche wieder glaubwürdig werden sollte.

© SZ vom 10.01.2013/mane
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB