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Roma in Griechenland:Das Schicksal der verschwundenen Kinder

Möglicherweise entführt: Maria

Dieses Foto der griechischen Polizei sorgt für weitere Rätsel: Es zeigt Maria mit dem Roma-Paar, bei dem das Mädchen gelebt hat.

(Foto: dpa)

Die Ermittler fahnden nach den biologischen Eltern der kleinen Maria, die in einem Roma-Lager entdeckt wurde. Immer wieder beschäftigen Fälle von illegalen Adoptionen und Kinderhandel die griechischen Gerichte. Auch der Verbleib von bis zu 500 verschwundenen Roma-Kindern soll neu untersucht werden.

Von Christiane Schlötzer, Athen

Es gibt nun ein neues Foto der kleinen Maria, die von der griechischen Polizei nach einer Razzia aus einem Roma-Lager geholt wurde. Auf dem Bild sieht das Mädchen mit den strohblonden Zöpfchen gar nicht so verstört aus wie auf dem ersten Foto, das seit Tagen um die Welt geht und Tausenden Paaren Hoffnung macht, ihr vermisstes Kind wiederzufinden. Die neue Aufnahme wurde von der Polizei veröffentlicht, sie war am Dienstag in vielen griechischen Zeitungen zu sehen.

Das Foto zeigt Maria, offenbar ohne Angst, zwischen Selini S., 41, und Christos S., 39, den beiden dunkelhäutigen Roma, die ihr so gar nicht ähnlich sehen und die, wie ein DNA-Test ergab, nicht ihre Eltern sind. Das Bild macht das Rätselraten um Marias Herkunft eher größer. Denn offenbar hat das Kind keine Angst vor dem Roma-Paar, das nun wegen des Verdachts auf Kindesentführung in Untersuchungshaft sitzt. "Blonder Engel ohne Identität" nennt die griechische Zeitung Ta Nea das Mädchen mit den blauen Augen.

Vasilis Paiteris glaubt erklären zu können, warum Maria so gelassen zwischen ihren falschen Roma-Eltern sitzt. Paiteris ist selbst Roma, und er ist prominent, nicht nur als Sänger und Bouzouki-Spieler, der mit griechischen Musikgrößen aufgetreten ist. Der 63-Jährige hat auch schon für das Parlament kandidiert.

Maria soll angeblich die Tochter eines bulgarischen Roma-Paars sein

Sitzt man mit Paiteris in einem Souflaki-Imbiss in einem schlichten Athener Vorort, dann klopft ihm bereits nach wenigen Minuten ein Unbekannter auf die Schulter, freundlich. Paiteris hat auch anderes erlebt, und er fürchtet, der Fall Maria könnte die alltägliche Diskriminierung der Roma verstärken. "Die Krise in Griechenland hat sowieso alles schlimmer gemacht, wo sollen wir noch Arbeit finden? Inzwischen werde ich schon von Griechen angebettelt", sagt Paiteris.

Mit der Familie S., bei der Maria lebte, habe er telefoniert, sagt Paiteris, "mit Großvater und Großmutter". Maria sei das Kind bulgarischer Roma, die hätten die Kleine bald nach der Geburt bei S. gelassen, weil sie selber so arm seien. "Bei den Roma passiert so was öfter." Erst vor wenigen Tagen sei das bulgarische Paar in dem Roma-Lager in Farsala in Zentralgriechenland gewesen, um das Mädchen zu besuchen, erzählt Paiteris. Es ist dieselbe Geschichte, die nun auch das festgenommene Paar der Polizei erzählt. Sie hätten sogar die Namen und eine Handynummer der angeblichen bulgarischen Eltern genannt, berichten die Anwälte der Roma-Familie.

Bei der griechischen Hilfsorganisation "Lächeln des Kindes", die Maria in Obhut genommen hat, sind inzwischen DNA-Proben von Paaren aus sieben Ländern eingegangen, die auf der Suche nach vermissten Kindern sind. Rund 8000 telefonische Anfragen haben die Helfer erreicht. Mehr als 200.000-mal wurde die Webseite der Organisation besucht. Maria sei bei "guter Gesundheit", teilte diese mit, und wahrscheinlich schon fünf bis sechs Jahre alt.

Ein Poster zeigt Maria, die in einem Roma-Lager gefunden wurde

Im Büro der Hilfsorganisation "Lächeln des Kindes" in Athen hängt ein Bild, das die kleine Maria zeig. Die Polizei sucht nach ihren biologischen Eltern.

(Foto: REUTERS)

Vier leitende Standesbeamte wurden in Athen suspendiert

Fälle von illegalen Adoptionen und Kinderhandel beschäftigen in Griechenland immer wieder die Gerichte. Erst am Montag hatte Justizminister Charalambos Athanassiou Zahlen veröffentlicht. Demnach sind über 40 Verfahren bekannt, vor allem in Nordgriechenland und Kreta. In einem Fall sei ein Arzt in Kavala in illegale Adoptionen verwickelt, in einem anderen eine private Klinik in Kozani. Aber es gebe auch Verdächtige in Athen.

In der griechischen Hauptstadt wurden jetzt vier leitende Standesbeamte aus dem Dienst entfernt. Dort hatte auch das Roma-Paar eine falsche Geburtsurkunde für Maria erhalten. Man konnte solche Urkunden offenbar kaufen. Der Betrug wird durch ein antiquiertes Recht erleichtert. Zwei Zeugen, die angeblich bei der Geburt dabei waren, und ein Elternteil genügen für den Antrag. Eine Bescheinigung eines Krankenhauses ist nicht nötig. "Unsere Kinder werden auf der Erde, nicht in Kliniken geboren", sagt Paiteris.

Das Roma-Paar, bei dem Maria aufwuchs, soll 14 Kinder in verschiedenen Gemeinden registriert haben. Nur vier Kinder, mit Maria, hätten bei der Familie gelebt, sagt Paiteris. Dieselben Kinder seien offenbar mehrfach bei den Behörden angemeldet worden. Eine Anwältin des Paares bestritt nicht, dass sich die beiden mit dem Kindersegen mehr Kindergeld verschaffen wollten. Selini Sali besaß nach Polizeiangaben selbst auch noch eine zweite Identitätskarte.

Der Verbleib von bis zu 500 Roma-Kinder ist unbekannt

Während weiter nach Marias leiblichen Eltern gesucht wird, findet in Griechenland ein alter Vorgang neue Aufmerksamkeit, der schon vergessen zu sein schien. Die Sache soll nun neu untersucht werden, wie der Justizminister versprach. Es geht um bis zu 500 Roma-Kinder, deren Verbleib niemand kennt, und zwar schon zehn Jahre. "Ampelkinder" hat man sie einst genannt, weil sie an Ampeln Autofahrer darum baten, für einen Obolus die Scheiben wischen zu dürfen. Ein Sozialprogramm sollte sie von der Straße holen. Viele kamen in das Kinderheim und Waisenhaus von Agia Varvara (Heilige Barbara) bei Athen.

Nach einem Bericht von Ta Nea waren die Zustände in dem personell völlig unterbesetzten Heim chaotisch. Die Kinder konnten entweder leicht wieder fliehen oder von ihren Roma-Eltern weggeholt werden. Die Zeitung hatte Einblick in die Eintritts- und Austrittslisten des Heimes und in Tagebücher des Personals.

In einem dramatischen Fall versuchten Erzieher, ein Kind hinter einer Tür des Hauses festzuhalten, während seine Eltern von außen an ihm zerrten. Viele Kinder seien sehr aggressiv und schwer traumatisiert gewesen, schilderten ehemalige Erzieher. Ein Mädchen mit Namen Rovena M., die später in ein griechisches Kinderdorf kam, bedankte sich aber auch bei Agia Varvara in einem Brief: "Wenn ich an den Ampeln geblieben wäre, hätte ich keine Kleider und kein Essen gehabt."

"Auch wir wissen bis heute nicht, wo diese Kinder geblieben sind", sagt Paiteris. Der Mann ist erbittert. Hilfsgelder der EU für Roma-Programme in Griechenland kämen bei den Betroffenen nicht an. Die meisten griechischen Roma seien bis heute Analphabeten. Dass daran nicht nur die Schulen schuld sind, in denen Roma-Kinder oft an den Rand gedrängt werden, sondern auch deren Eltern, gab Babis Dimitrou, der Präsident der Roma aus Farsala, im Radiosender Skai freimütig zu. 70 Kinder gingen aus seinem Lager in die Grundschule, nur sieben ins Gymnasium, schließlich müssten die Jungs arbeiten - und die Mädchen würden verheiratet.

© SZ vom 23.10.2013/sks
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