Prozessauftakt in Frankreich Picasso in der Garage

Maya Ruiz-Picasso, Tochter des spanischen Malers, beim Prozess in Grasse. Wie ihre Geschwister ist sie Nebenklägerin in dem Prozess gegen ein Rentnerpaar.

(Foto: AFP)
  • Der spektakuläre Fund von 271 unbekannten Picasso-Werken hat ein gerichtliches Nachspiel im südfranzösischen Grasse.
  • Ein ehemaliger Elektriker und seine Frau wollen die Werke, deren Wert heute auf bis zu 100 Millionen Euro geschätzt werden, vom Künstler als Geschenk erhalten haben.
  • Die Erben von Picasso bezweifeln das.

Hehlerei oder Millionengeschenk?

Wie kommt ein pensionierter Elektriker in den Besitz von 271 bisher unbekannten Werken des Malers Pablo Picasso? Um diese Frage geht es in einem Prozess, der am Dienstag im südfranzösischen Grasse begonnen hat. Verantworten müssen sich wegen Hehlerei ein 75-jährige Rentner und seine Ehefrau, die den Kunstschatz 37 Jahre lang in einer Garage in Mouans-Sartoux nördlich von Cannes aufbewahrt hatten.

Fast 100 Millionen Euro sollen die Arbeiten - 180 Bilder, Collagen und Zeichnungen sowie ein Skizzenheft mit 91 weiteren Zeichnungen - wert sein. Der Rentner, der einst als Elektriker für Picasso arbeitete, spricht von einem Geschenk des Malers, die Erben des Künstlers halten das für eine Lüge und verdächtigen das Rentnerpaar des Diebstahls der Werke.

Wie die Erben von den Bildern erfuhren

Im Jahr 2010 schickte der Rentner Fotos der Werke an Picassos Sohn Claude, den Nachlassverwalter der Familie. Er wollte Echtheitszertifikate für die Bilder. Allein anhand der Fotos wollte Claude Picasso aber keine Zertifikate ausstellen, deshalb reiste der Mann mit einem Koffer mit mehreren Werken nach Paris.

Claude Picasso erkannte, dass es sich tatsächlich um Originale seines Vaters handelt und erstattete Anzeige wegen Hehlerei. Die Anwälte von Picassos Erben, neben Claude Picasso unter anderem Picassos Töchter Paloma und Maya, müssen deshalb nicht beweisen, dass der pensionierte Elektriker ihres Vaters die Werke gestohlen hat. Es reicht zu beweisen, dass das Paar wissentlich unrechtmäßig an die Bilder gelangte.

Gespräche bei Kuchen und Kaffee

Das aber bestreitet der frühere Elektriker. Er gibt an, für Picasso in dessen prächtigem Landhaus Notre-Dame-de-Vie im südfranzösischen Mougins gearbeitet zu haben, wo der Maler bis zu seinem Tod 1973 lebte. Die Werke seien ein Geschenk Picassos und seiner letzten Frau Jacqueline gewesen.

"Er lud mich oft zu einem Kuchen oder einem Kaffee ein, der Meister und ich haben dann über dies und jenes gesprochen", erzählte der Rentner 2010. Picasso und dessen Frau hätten ihn "kleiner Cousin" genannt. "Als ich an einem Abend nach der Arbeit gehen wollte, hat mir Madame ein kleines Paket gegeben und gesagt: 'Das ist für Sie'." Diese Geste habe sich irgendwann während der Jahre 1970 und 1973 ereignet. An das genaue Jahr kann sich das Rentnerehepaar nicht erinnern.

Zuhause habe er sich die Skizzen und Bleistiftzeichnungen angeschaut, den Wert der Werke aber nicht erkannt. "Ich kannte mich überhaupt nicht aus", sagte der Mann. "Wenn Madame mir Gemälde gegeben hätte, dann wäre mir das schon komisch vorgekommen." Die Anwälte von Picassos Erben glauben dem Rentner und seiner Ehefrau kein Wort. "Sie erinnern sich an nichts, sie wissen nicht, ob sie das Geschenk 1970, 1971 oder 1972 bekommen haben", sagt Claude Picassos Anwalt. "Wenn man 271 Picassos geschenkt bekommt, dann erinnert man sich doch daran!"

Bei den Bildern fehlt die Signatur

Der Anwalt verweist zudem darauf, dass die zwischen 1900 und 1932 entstandenen Werke nicht unterzeichnet waren. "Picasso signierte immer im letzten Augenblick, bevor er etwas verschenkte oder verkaufte." Im Klartext: Picasso hätte nie ein nicht signiertes Bild verschenkt. Das ist die feste Überzeugung der Picasso-Erben. "Die Frage ist nicht, ob Picasso großzügig war oder nicht", sagt der Anwalt. "Er ist mit seinen Werken nicht leichtsinnig umgegangen, er hat sie nicht einfach so verschenkt."

Der Anwalt der Angeklagten argumentiert dagegen, ein Diebstahl der Werke wäre gar nicht möglich gewesen. Picasso habe ein "außergewöhnliches Gedächtnis" gehabt, das Landhaus sei zudem eine wahre "Festung" gewesen. Außerdem seien nur rund zehn der 271 Picasso-Werke wertvoll - der Rest sei "ziemlich mittelmäßig".

Der Prozess in Grasse ist auf drei Tage angesetzt. Am Donnerstag soll ein Urteil fallen.