Paris Das brennende Herz

Die Menschen in Paris weinen, als sie die Flammen aus der Kathedrale Notre-Dame schlagen sehen. Der Brand beschädigt nicht nur das weltberühmte Bauwerk schwer, er trifft auch die Seelen.

Von Nadia Pantel und Leo Klimm, Paris

Es ist kurz vor 19 Uhr am Montagabend, als die Katastrophe ihren Lauf nimmt: Notre-Dame steht in Flammen. Der Brand wütet oben, auf dem Dach der berühmten Kathedrale, die das Herz von Paris ist - und damit der Mittelpunkt Frankreichs. Schnell breitet sich dichter, gelblicher Rauch von dem gotischen Denkmal der Weltgeschichte über Paris aus. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der um 20 Uhr eigentlich eine lang erwartete Fernsehansprache halten sollte, sagt den Termin ab. In Frankreich - und in aller Welt - schaut jetzt sowieso alles nur mit Entsetzen auf die Flammen, die sich durch den Dachstuhl fressen und ein Kulturerbe ersten Ranges zerstören.

"Notre-Dame von Paris den Flammen ausgeliefert. Emotion einer ganzen Nation", schreibt der Präsident auf Twitter, bevor aus dem Élysée-Palast herbeieilt. Er sei in Gedanken bei allen Katholiken und allen Franzosen. "Wie alle unsere Landsleute bin ich an diesem Abend traurig, diesen Teil von uns brennen zu sehen." ¶

Verletzte gab es immerhin offenbar keine. Zur Brandursache gibt es am Abend nur Spekulationen. Gewiss ist, dass ein Teil des Dachstuhls seit einigen Wochen eingerüstet war, um 16 Skulpturen zu renovieren. Schnell erklärt der zuständige Architekt, kein Bauarbeiter sei auf der Baustelle gewesen, als der Brand ausgebrach. Die Feuerwehr ist zwar schnell zur Stelle, aus dem ganzen Großraum Paris wird sie zusammengezogen. Doch die Feuerwehrleute benötigen fast eine Stunde, bis sie mit ihren Löschfahrzeugen so nah an das hoch aufragende Dach herankommt, dass sie die Flammen eindämmen kann. Für den kleinen Spitzturm, der im 19. Jahrhundert auf das Mittelschiff aufgebaut wurde, kommen die Rettungsversuche zu spät: Er bricht unter den Augen der konsternierten Menge, die sich im Zentrum von Paris gesammelt hat, zusammen.

Auf der Brücke von Saint-Michel sammeln sich um kurz vor 20 Uhr die Schaulustigen, sie filmen den Brand mit ihren Handys, als auf einmal ein Schrei durch die Menge geht: "Oh my God!" Die meisten hier sind Touristen. 14 Millionen von ihnen besuchen jedes Jahr Notre-Dame. Gerade hat der Wind gedreht. Die Rauchwolke über der Kirche färbt sich tiefschwarz und über den Menschen auf der Brücke geht ein Regen aus Asche und kleinen Feuerfunken nieder. Polizisten versuchen schreiend, die Fußgänger auf die Bürgersteige zu drängen. Aber selbst als die Straße frei ist, will niemand vorbeifahren. Die Autofahrer sind stehen geblieben und starren entgeistert auf die Kathedrale. Auf der Straße pressen sich die Menschen Taschentücher und Schals vor ihre Münder. Nicht nur, weil der Rauch beißt. Auch, weil viele weinen.

Eine der berühmtesten Kathedralen der Welt, ab dem Jahr 1163 zwei Jahrhunderte lang erbaut in der Hochzeit der Gotik, verewigt unter anderem von Victor Hugo in seinem Roman vom Glöckner von Notre-Dame, geht unter ihren Augen in Flammen auf. Während die Menge wächst, scheinen auch die Flammen größer zu werden. Das Rot des Feuers scheint durch die gotischen Bögen, welche die beiden Haupttürme verbinden. Daneben sieht man die Umrisse der berühmten Wasserspeier. Ein Mann wischt sich Asche vom Wollmantel und flucht. Neben ihm schieben Menschen ihre Kinder durch die dichte Menge. Auf ihren Kameradisplays zoomen die Menschen näher an die brennende Kirche. Um sich gegenseitig zu beruhigen, zeigen sie einander, dass Feuerwehrleute es wohl geschafft haben, auf das Gebäude zu klettern.

Elf Stunden lang kämpften Feuerwehrleute um den Sakralbau im Herzen der Stadt. Am Dienstagmorgen meldete die Feuerwehr die vollständige Löschung aller verbliebenen Brandherde.