Mythos Päpstin Johanna Heilige Mutter

Kaum als Frau zu erkennen - die legendäre Päpstin Johanna auf dem Thron in Rom (hier ein französischer Stich).

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass es im neunten Jahrhundert eine Frau auf dem Papstthron gegeben habe. Aber kann die Legende stimmen, angesichts der historischen Fakten?

Von Volker Bernhard

Vor Kurzem jährte sich die Einführung des Frauenwahlrechts zum hundertsten Mal. Wieder wurde über fehlende Gleichberechtigung und den beschämend geringen Frauenanteil im Bundestag diskutiert.

Doch zumindest ist in der säkularen westlichen Welt theoretisch jedes Amt für jedes Geschlecht erreichbar. Anders sieht es im Katholischen aus, hier hat wenigstens eine Debatte begonnen, ob Frauen Priesterinnen werden dürfen.

Angesichts solcher Rückständigkeit klingt die Geschichte der Päpstin Johanna umso beeindruckender, soll sie doch im 9. Jahrhundert vollbracht haben, was auch heute noch völlig undenkbar ist. Die Legende wurde immer wieder modifiziert und politisch instrumentalisiert, etwa im Konfessionsstreit als "List des Weibes" oder als Beispiel der Verkommenheit der katholischen Kirche.

Es dauerte mehr als 400 Jahre, bis der Fall aktenkundig wurde

Die in Mainz geborene Johanna erhält eine gehobene Bildung durch ihren Vater. Sie verkleidet sich als junger Mann und kann so in Athen studieren.

Dank der Gelehrten dort erreicht sie ein intellektuelles Niveau, das sie in Rom außergewöhnlich erscheinen lässt. Als "Johannes Anglicus" macht sie in der römischen Kurie Karriere und wird zuletzt Nachfolger(in) von Papst Leo IV.: Im September 855 wird sie zum Papst gewählt, ihr Name: "Johannes VIII.".

Ihr Pontifikat ist geprägt von mehreren heimlichen Liebschaften, die in eine Schwangerschaft münden. Während "einer Prozession durch Rom offenbart sich ihr Geheimnis den Gläubigen, es kommt zur blutigen Sturzgeburt. Ob sie nach dieser Enthüllung ins Kloster verbannt oder von der empörten Menge gelyncht wird, darüber herrscht Uneinigkeit.

Stutzig macht an der Legende vor allem, dass es über 400 Jahre dauert, bis jener Fall erstmals aktenkundig wird. Es ist unwahrscheinlich, dass eine solche die Grundfesten der Gläubigen betreffende Angelegenheit keine Erwähnung findet, um erst 1277 von Martin von Troppau in seiner "Chronik der Päpste und Kaiser" ausgegraben zu werden.

Der Dominikanermönch nennt seine Quellen nicht, dass er jedoch nach Selbstauskunft auch den Volksmund und Alltagsgespräche auf den Straßen Roms mit einbezog, hilft der Vertrauenswürdigkeit nicht.

Vermutlich bezog sich von Troppau auf den Ruf des von 872 bis 882 regierenden Papst Johannes VIII. Der sann auf gute Beziehungen zum byzantinischen Reich und rehabilitierte den Patriarchen Photios I., für die orthodoxen Kirchen bis heute ein Heiliger.

Diese Kompromissbereitschaft brachte Johannes satirische Zuschreibungen einer "weibischen" Wesensart ein. Der Nachfolger exkommunizierte Photios I. wieder, das Schisma zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche blieb.

Eine weitere Deutung sieht Marozia, Mutter und Großmutter zweier Päpste mit Namen "Johannes", als Inspiration für die Legende: In der sogenannten Pornokratie übte sie mit weiteren Mätressen Einfluss auf diverse Päpste aus, seit dem 16. Jahrhundert auch als "dunkles Jahrhundert" bekannt.

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Fraglich bleibt, wann genau sich das Pontifikat ereignet haben soll: Leo IV. starb 855, sein offizieller Nachfolger war Benedikt III. Da es über den nur wenige Informationen gibt, wurde Benedikt III. von Anhängern der Päpstin-Johanna-Hypothese zu einer Erfindung der Kirche erklärt.

Dem widersprechen aber einige Münzen, Rundschreiben und Korrespondenzen. Der sich anschließende Verdacht nährte sich nun von der Unterstellung, dass das Pontifikat der Johanna alias "Johannes VIII." sich zwischen Leo IV. und Benedikt III. ereignet habe.

Doch Patriarch Photios I. widerlegt diese Hypothese, in seinen Schriften folgt auf Leo IV. direkt Benedikt III. Auch findet sich hier kein Verweis auf eine(n) "Johannes VIII.", den zu liefern Photios I. als Gegner der katholischen Kirche sicher nicht schuldig geblieben wäre, hätte es Anhaltspunkte oder Gewissheiten gegeben.

Da Martin von Troppaus erste Erwähnung der Päpstin nicht gerade durch Stichhaltigkeit brillierte, wurde die Legende ausgeschmückt und fortgeschrieben. Besonders amüsant ist die Deutung, ein Porphyrthron mit Loch, heute in den vatikanischen Museen zu besichtigen, sei eine Apparatur für einen Männlichkeitstest.

Jeder neue Papst habe sich als Lehre aus der Johanna-Schmach danach durch den Nachweis seiner primären Geschlechtsorgane qualifizieren müssen. Tatsächlich handelt es sich um einen spätantiken Toilettenstuhl.

Die Legende wird von Boccaccio, Achim von Arnim und Bert Brecht erwähnt

Bei aller Fragwürdigkeit hatte die Legende eine große Wirkungsgeschichte: Giovanni Boccaccio thematisierte sie ebenso wie Achim von Arnim und Bertolt Brecht.

Am bekanntesten ist heute der Bestseller "Die Päpstin" von Donna Woolfolk Cross, in der Johanna als aus dem kirchlichen Gedächtnis getilgte Frau beschrieben wird. Auch wenn Cross deutlich macht, dass dies ein Roman ist, halten nicht wenige die Geschichte für wahr.

Mit dem Feminismus des 20. Jahrhunderts wurde die Legende der Päpstin Johanna endlich zur Geschichte der ungerechte Ketten sprengenden Frau mitten im Epizentrum kirchlicher Moral.

Dabei sagt das angebliche Ende der Päpstin viel über den misogynen Geist, aus dem die Legende erwuchs: Die Frau galt als Gebärmaschine mit Haushaltsfunktion; ihr Anspruch auf Macht entweihte für die "gläubigen" Männer das Papstamt.

Dass die Päpstin sich vermeintlicher Liebschaften nicht erwehrte, den Zölibat brach und sich so als unwürdig erwies: Ein solches Klischee steigert die Glaubwürdigkeit nicht.

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