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Ostafrika:Eingeholt von der Vergangenheit

Äthiopien wurde lange die Bilder von hungernden Kindern nicht los. Kürzlich erlebte das Land einen Wachstumsschub. Und braucht wieder Hilfe.

Als Viehbesitzer muss man schnell sein, wenn es losgeht mit der Dürre. Sobald sich abzeichnet, dass zu wenig Regen fällt, dass Wasser und Futter knapp werden, sollte man seine Tiere loswerden. Am Anfang, wenn sie noch nicht so mager sind, bekommt man einen guten Preis. Dann wird es schwieriger. Dann nämlich, wenn immer mehr Bauern ihre knochigen Rinder und Ziegen zum Verkauf anbieten, weil es kein Futter mehr gibt.

So begann es vor etwa einem Jahr, als in Äthiopien die erste von zwei Regenzeiten ausfiel. Sie ist wichtig für die Gerstensaat und dauert eigentlich von Februar bis April. Doch der Regen kam nicht. Es wurde Juni, eigentlich der Monat, in dem die Zwerghirse zu wachsen beginnt. Aus ihr machen die Äthiopier Injera, das luftige Fladenbrot, das es fast zu jeder Mahlzeit gibt. Aber das Getreide gedeiht nur, wenn die zweite Regenzeit einsetzt. Tat sie nicht - bis Oktober regnete es kaum. Zum Jahresende schlugen schließlich die Hilfsorganisationen Alarm, ihre Sorge galt jetzt nicht mehr dem Vieh, sondern den Menschen. Erste Warnungen drangen in die Presse: Die Dürre in Äthiopien könnte die schwerste seit 30 Jahren sein. Seit den Achtzigern also, als das Land eine Hungerkatastrophe erlebte, die etwa eine Million Menschen das Leben kostete. Inzwischen sprechen Experten von der schlimmsten Trockenheit seit einem halben Jahrhundert.

Im südlichen Afrika ist die Versorgung von 28 Millionen Menschen in Gefahr

Und sie trifft nicht nur Äthiopien. Sie zieht sich vom Horn Afrikas hinunter in den Süden: Auch in Mosambik, Malawi, Sambia, Simbabwe, Namibia und in Südafrika fällt nun schon im zweiten Jahr zu wenig Regen. In Teilen Ostafrikas hat es hingegen Überschwemmungen gegeben, im Süden Äthiopiens, in Somalia und Kenia ertrinken die Ernten in Wasser und Schlamm. Das Wetter spielt verrückt, mehr als sonst. Der Grund dafür hat einen fast schon putzigen Namen: El Niño, das Kind. Das Wetterphänomen tritt etwa alle zwei bis sieben Jahre auf - diesmal wütet es allerdings so heftig wie lange nicht.

Afrika

In Äthiopien wird aus der Dürre gerade eine Hungersnot. Zwar hat der Frühjahrsregen dieses Jahr in manchen Gebieten eingesetzt. Doch die Not kann er so schnell nicht lindern. Mehr als 10 von insgesamt 100 Millionen Äthiopiern sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, erste Hungertote soll es schon gegeben haben. Im südlichen Afrika sind es 28 Millionen Menschen, deren Versorgung in Gefahr ist. Lesotho, Malawi, Swasiland und Simbabwe haben vor Kurzem den Katastrophenzustand ausgerufen. In Südafrika, der zweitgrößten Volkswirtschaft des Kontinents, droht zwar kein Hunger, doch die schrumpfenden Viehbestände und die Ernteausfälle schrauben die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe.

Die Lage, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bei einem Besuch in Äthiopien vor einigen Wochen, sei so ernst, dass jede Regierung davon überfordert wäre. Er appellierte deshalb an die internationale Gemeinschaft, den betroffenen Staaten endlich zu helfen. Allein dem Welternährungsprogramm fehlen derzeit mindestens 870 Millionen Dollar für seine Arbeit in Äthiopien und im südlichen Afrika.

Tatsächlich können die jetzt bedrohten Staaten wenig dafür, dass El Niño dieses Mal so heftig zuschlägt. Und doch lohnt es in einigen Fällen, genauer hinzusehen. Ein paar Regierungen haben nämlich durchaus Anteil daran, dass zwischen Äthiopien und Südafrika fast 40 Millionen Menschen in ein paar Wochen nicht mehr wissen werden, wie sie satt werden sollen. Ein noch harmloser Fall ist Südafrika: Hier haben es Politiker bis heute vermieden, die Dürre zur nationalen Katastrophe zu erklären. Das hätte es ermöglicht, den Farmern frühzeitig mit Hilfsprogrammen unter die Arme zu greifen. Doch die umstrittene Regierung von Jacob Zuma scheute die Ausgaben. Jetzt steht die Versorgung von mehr als zwei Millionen Haushalten infrage, die Preise für Essen sind explodiert.

In Simbabwe sind zurzeit vier Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Die besondere Ironie dabei: Das Land gehörte einmal zu Afrikas erfolgreichsten Agrarproduzenten. Um diesen Trend umzukehren, war kein El Niño nötig: Die Wirtschaft brach schon vor 15 Jahren ein - eine Folge der abenteuerlichen Enteignungspolitik von Präsident Robert Mugabe. Seither exportiert das Land nicht mehr Mais, Baumwolle und Tabak, sondern massenweise Simbabwer, die in ihrer Heimat keine Perspektive mehr sehen. Aus einer außergewöhnlichen Dürre wird in einem derart heruntergewirtschafteten Land schnell eine Katastrophe.

In Äthiopien ist der Beitrag der Regierung zur Hungerkrise versteckter. Er verschwindet leicht hinter den positiven Nachrichten, die über das Land am Horn von Afrika im Umlauf sind: Äthiopien, die Volkswirtschaft mit den zweistelligen Wachstumsraten. Äthiopien, das Fast-Schwellenland, in dessen Hauptstadt die Angestellten mit der Straßenbahn zur Arbeit fahren. Äthiopien, das Armut und Hunger in beeindruckendem Tempo hinter sich lässt.

Viele Erfolgsgeschichten stimmen wahrscheinlich. Man muss es so vage formulieren, denn es ist schwer, an wirklich unabhängige Informationen heranzukommen. Äthiopien ist formal eine Demokratie, doch faktisch gehört es zu den autoritärsten Staaten in ganz Afrika. Seit 1991 regiert dieselbe Clique, entsprungen aus den Rebellengruppen, die damals die kommunistische Militärjunta des Derg stürzten. Sie haben aus Äthiopien eine Art Entwicklungsdiktatur gemacht - strikt kontrolliert, aber wirtschaftlich erfolgreich. Die hohen Wachstumsraten gelten zwar als überzeichnet, aber im Großen und Ganzen sind sich Kenner des Landes einig: Äthiopien hat große Sprünge gemacht und die Armut deutlich reduziert.

Hilfsorganisationen betonen, wie gut die Zusammenarbeit mit der Regierung klappe, wie viel sie in den vergangenen Jahren für die Hungerbekämpfung getan habe. Addis Abeba hat ein Frühwarnsystem etabliert, ein flächendeckendes Netz an Gesundheitszentren aufgebaut und viel Geld in ein Projekt namens "Productive Safety Net Programme" gesteckt. Dieses Beschäftigungsprogramm soll Familien vor landwirtschaftlichen Schocks schützen. Wird ihre Existenz von Dürren oder Starkregen bedroht, erhalten sie Geld oder Nahrungsmittel und helfen dafür beim Bau von Schulen oder Straßen. All das war vor 30 Jahren anders: Die herrschende Militärjunta hat die Hungersnot 1984 zuerst vertuscht und dann mit bewaffneten Übergriffen noch verschärft.

Die äthiopische Landwirtschaft ist nicht so produktiv, wie sie sein könnte

El Niño

Es beginnt mit dem Passatwind über dem Pazifik. Normalerweise bläst der stetig von Ost nach West. Mit dem Wind kommt der kalte Humboldt-Strom, der entlang Südamerikas Küste nach Norden fließt und dann gen Westen abdreht. Unterwegs erwärmt sich das kalte Wasser; das Ergebnis ist warmes Wasser in Asien, kaltes Wasser vor Peru.

Doch immer wieder, etwa alle zwei bis sieben Jahre, flauen die Passatwinde ab. Welche Prozesse hinter diesem Rhythmus stehen, ist noch nicht ganz klar. Mit dem Ostwind aber kommt auch der Humboldt-Strom zum Erliegen. Dadurch erwärmt sich das Wasser vor Südamerika, während es vor Australien und Indonesien abkühlt. Daraufhin weht nun oft sogar ein Westwind über dem Meer, und das Wasser schwappt, vereinfacht gesagt, von der asiatischen zurück auf die amerikanische Seite. Statt wie sonst über Indonesien können sich dann über Kalifornien und Südamerikas Westküste Tiefdruckgebiete mit heftigen Regenfällen häufen.

Das gesamte Phänomen nennt man El Niño-Southern Oscillation (ENSO). El Niño - das Christkind -, weil das warme Wasser, das Plankton absterben und Fischschwärme fortbleiben lässt, in Südamerika um die Weihnachtszeit am stärksten spürbar ist. Für Europa hat El Niño außer einem tendenziell kühleren Winter im Norden kaum Folgen. Weltweit aber können die Konsequenzen verheerend sein: Trockenheit und Waldbrände in Indonesien, Überflutungen und Erdrutsche in Peru und Kalifornien. In diesem Super-El-Niño-Jahr indes dauert die Dürre in Südkalifornien trotz El Niño vorerst an. In Afrika dagegen hat El Niño doppelt zugeschlagen: Überschwemmungen in Kenia und Teilen von Somalia und Malawi, in Äthiopien Dürre. Marlene Weiß

Und doch ist die jetzige Regierung mitverantwortlich für das Ausmaß der jetzigen Krise. Genauer gesagt: ihr autoritärer Kurs in Fragen des Landbesitzes. Faktisch gehört das gesamte Land in Äthiopien dem Staat, die Regierungspartei weist es den Nutzern zu, kann es ihnen aber auch wieder entziehen. "Die äthiopische Landwirtschaft ist deshalb längst nicht so produktiv, wie sie sein könnte", erklärt Wolfgang Heinrich. Der Entwicklungsexperte hat 20 Jahre in Äthiopien gelebt und für verschiedene Hilfsorganisationen gearbeitet. "Die Bauern", sagt er, "investieren nicht genug in ihr Ackerland, wenn sie befürchten, dass der Staat es ihnen bald wieder wegnimmt." Landwirtschaft, die so funktioniert, ist nicht robust genug, um Schocks wie Dürren zu überstehen.

Und das ist nicht das einzige Problem. Äthiopien gehört zu jenen Staaten, die in den vergangenen Jahren massiv Land an Investoren verkauft oder verpachtet haben. Dieses sogenannte land grabbing ist höchst umstritten. Mehrere Menschenrechtsorganisationen haben Berichte darüber veröffentlicht, wie die Regierung Kleinbauern von fruchtbaren Flächen vertreibt, um diese für Investoren frei zu machen. Die Machthaber in Addis Abeba rechtfertigen sich mit ihrer ambitionierten Entwicklungsagenda. Das zentrale Argument: Die Nahrungsmittelproduktion werde angekurbelt, wenn agroindustrielle Unternehmen die verpachteten Flächen im großen Stil bewirtschaften. Außerdem würden Jobs geschaffen und die Landwirtschaft werde modernisiert.

"Die Erwartungen haben sich alle nicht bestätigt", sagt Wolfgang Heinrich. Statt Nahrungsmittel für den äthiopischen Markt anzubauen, konzentrierten sich die neuen Großbauern auf exportfähige Produkte wie Blumen oder Ölsaaten. Auch ließen einige Investoren ihre Flächen einfach brach liegen, wie Heinrich erzählt - weil sich der Weltmarkt anders entwickelt habe als erwartet. "Diese Form der Landpolitik verschärft die aktuelle Krise", sagt er, "denn sie gefährdet die Selbstversorgung der Bevölkerung."

In der Oromia-Region im Zentrum Äthiopiens regt sich seit einigen Monaten Protest gegen die ständige Landnahme durch die Regierung. Auslöser war der Plan, das Gebiet der Hauptstadt zu vergrößern - auf Kosten von fruchtbarem Ackerland in Oromia. Dutzende Demonstranten sollen von Sicherheitskräften getötet worden sein, Hunderte wurden offenbar festgenommen. Im Januar nahm die Regierung ihren Plan zurück - eine Premiere. Trotzdem dauern die Unruhen an. Der Hunger wird der äthiopischen Regierung gefährlich. Denn El Niño macht ihre Fehler sichtbar.