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Österreich:Natascha Kampusch und der Ex-Kriminalbeamte

Natascha Kampusch

Nach acht Jahren war es Natascha Kampusch 2006 gelungen, sich aus den Klauen ihres Peinigers zu befreien. Seitdem deuteln viele an ihrer Geschichte herum.

(Foto: Herbert Neubauer/dpa)

Er sieht sich "freundschaftlich verbunden" mit dem Entführungsopfer und schreibt ein Buch über sie. Ihr Anwalt nennt das einen "Übergriff".

Einerseits könnte man die Sache als Rechtsstreit abtun, als trockene Auseinandersetzung zwischen einem Verlag und einem Anwalt. Eine Abmahnung wurde versendet, vielleicht kommt es zu einem Gerichtsprozess. Andererseits geht es letztlich um den Vorwurf der Persönlichkeitsverletzung, Begriffe wie "Menschenwürde" und "Demütigung" fallen, das sind große Kaliber. Vielleicht geht es auch um Geld. In jedem Fall aber geht es um Natascha Kampusch, deren Schicksal nicht nur die Österreicher seit mittlerweile 18 Jahren beschäftigt.

"Die ganze beschämende Wahrheit" überschreitet einen Rubikon

1998 war sie von dem Sonderling Wolfgang Priklopil als kleines Mädchen entführt worden, 2006 konnte sie sich selbst befreien. Seither kämpft sie um ein eigenständiges, friedvolles Leben - und immer wieder auch gegen Vorwürfe, sie habe gelogen, sie sei freiwillig bei ihrem Entführer geblieben, ihre Mutter habe etwas mit der Entführung zu tun gehabt, es habe mehr als einen Täter gegeben. Mehrere Kommissionen haben die Vorwürfe überprüft, zuletzt sogar mithilfe von BKA und FBI, weil im kleinen Österreich schnell mal der Verdacht aufkommt, Täter würden gedeckt und politischer Druck sei bei den Ermittlungen im Spiel gewesen. Die jüngste Anzeige in dieser Causa, in der ein Bruder des ehemaligen Chefermittlers bestreitet, Priklopil habe nach der Flucht seines Opfers Selbstmord begangen, ist erst dieser Tage bei der Polizei eingegangen.

Nun ist ein Buch erschienen, das den "Entführungsfall Natascha Kampusch" wieder einmal aufrollt, der Untertitel lautet: "Die ganze beschämende Wahrheit". Autor Peter Reichard, ehemaliger Kriminalbeamter, der auch schon eine Dokumentation über Kampusch gedreht hat und sie persönlich gut kennt, hat es geschrieben. Er findet, es lasse der jungen Frau, die sehr zurückgezogen lebt und nach allem, was man weiß, immer noch mit ihrer tief gehenden und zersetzenden Traumatisierung kämpft, endlich Gerechtigkeit widerfahren, weil sein Text mit den "ganzen Verschwörungstheorien aufräumt", mit denen sie zu kämpfen hat.

Es geht um Videos, deren Existenz nur Behörden und Kampusch selbst bewusst war

Droht ihm ein Prozess? Autor Peter Reichard (Foto) wollte mit seinem Buch "endlich mit den ganzen Verschwörungstheorien aufräumen".

(Foto: OH)

Ob Kampusch das auch so sieht, ist nicht bekannt, sie geht selten an die Öffentlichkeit. Ihr Anwalt jedenfalls sagt, ein Rubikon sei mit diesem Buch überschritten worden; es sei ein "Übergriff". Denn Reichard hat am Ende seines Werkes Videos nacherzählt, deren Existenz bisher nur Polizei und Staatsanwaltschaft - und natürlich Kampusch selbst - bekannt war. Ihr waren die Filme, die Priklopil von seiner abgemagerten, wie eine Sklavin gehaltenen Gefangenen gemacht hatte, nach dem Abschluss der Ermittlungen übergeben worden. Reichard räumt ein, dass er die Filme nicht von Kampusch bekommen habe; allerdings habe sie gewusst, dass er deren Inhalte nacherzählt. Reichard berichtet in einem langen, von seiner Seite sehr engagierten, emotionalen Gespräch von Dutzenden Treffen mit Kampusch, von Absprachen und Rückfragen, davon, dass man "freundschaftlich verbunden" sei, dass sowohl sie als auch ihr Medienberater und ein Vertrauter in die Entstehung des Buches eingebunden gewesen seien und man auch über die Videos geredet habe. "Natürlich wusste sie das." Schriftliche Beweise, Aufzeichnungen und Fotos sollen der Schutzschrift beiliegen, die er vorlegen will, sollte es zu einem Verfahren kommen.

Der Anwalt von Natascha Kampusch, Gerald Ganzger, geht davon aus, dass Reichard nicht die Wahrheit sagt, wenn er das behaupte. Es habe keine Zustimmung seiner Mandantin gegeben, daher könne es dafür auch keine Belege geben. Wer den Epilog mit den verschrifteten Videos lese, dem müsse klar sein, dass Kampusch nie gewollt haben könne, dass so demütigende Szenen in die Öffentlichkeit gelangen.

Dieses Werk stelle ihre Ehre wieder her, schreibt Stefan Aust im Vorwort

Zumindest letzteres allerdings ist, jenseits der juristischen Auseinandersetzung, eine Geschmackssache. Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust schreibt im Vorwort zu dem umstrittenen Opus, die Inhalte der Videos, in denen Priklopil sein spindeldürres, kahl geschorenes, halb verhungertes Opfer verhöhnt, beschimpft, kleinmacht, nötigt, beschämt, bewiesen, dass die Mutmaßungen der Verschwörungstheoretiker "über Komplizen und Pornos nichts als perverse Fantasien" seien. Und sie zeigten, dass die "seelische Stärke eines Menschen selten so deutlich geworden" sei wie hier, wo Kampusch, mittlerweile 28 Jahre alt, "vom willenlosen Opfer zum stärkeren Part in diesem Zweikampf wurde". Mit diesem Buch werde ihre Ehre wiederhergestellt.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Anwalt Ganzger mutmaßt, dass Autoren wie Reichard zu jenen Menschen gehörten, die immer glaubten, sie täten Natascha Kampusch etwas Gutes und diese müsse dankbar sein, dass man mit ihr arbeite, ihre Sache vertrete. Reichard findet tatsächlich, dass sich die Wienerin "freuen müsste", weil sein Buch so sehr in ihrem Sinne sei. Er mutmaßt aber wiederum, dass Kampusch, die das Buch in seinem Beisein in Auszügen gelesen habe, eventuell gar nicht gewusst habe, dass ihr Anwalt und ihr Medienberater gegen sein Werk vorgehen wollten; die junge Frau werde nicht etwa von ihm, sondern eher von ihrem Umfeld instrumentalisiert. Voyeurismus oder Schutz, Skandal oder Fürsorge - Kampusch läuft in diesem Streit Gefahr, damit einmal mehr zum Opfer zu werden.

Es könnte auch um Kampuschs eigenes, zweites Buch gehen

Ob sie sich so fühlt, das könnte sich demnächst herausstellen. Denn bei der ganzen Auseinandersetzung könnte es auch um etwas ganz anderes als Persönlichkeitsrechte gehen: Es gibt nämlich ein zweites Buch, das in zwei Monaten herauskommen soll; Kampusch hat es mit jener Ghostwriterin geschrieben, mit der sie auch in ihrem letzten Buch ("3096 Tage") über die endlos lange Zeit im Kerker berichtete. Das nächste, das im Juni erscheint, handelt von "Zehn Jahren Freiheit". Das Vorgehen ihres Anwalts gegen Reichards in chronologischer Form gehaltene, durchaus fesselnde Nacherzählung war angesichts dessen - jedenfalls vorläufig - wohl ein Eigentor: Der Verlag meldet, das Buch sei wegen des großen Interesses derzeit nicht sofort lieferbar.

© SZ vom 05.04.2016/max
Natascha Kampusch Nichts ist mehr privat
Film über Natascha Kampusch

Nichts ist mehr privat

Österreich hyperventiliert: Am Montag kommt der Film über Natascha Kampuschs Jahre im Verlies in die Kinos.Warum bloß tut sich das einstige Entführungsopfer den Rummel an? Der Mythos der starken Überlebenden wankt.   Von Cathrin Kahlweit, Wien

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