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Öffentliche Fahndung:Polizei hält Lebensmittel-Erpresser für "sehr skrupellos"

  • Ein Mann hat gedroht, Lebensmittel in Märkten zu vergiften, wenn er nicht einen zweistelligen Millionenbetrag erhält.
  • In Friedrichshafen in Baden-Württemberg ist bereits kontaminierte Babynahrung aufgetaucht.
  • Die Polizei fahndet derzeit nach einem Tatverdächtigen.

Mit seinen dicken Brillengläsern und sportlichen Schuhen wirkt der mutmaßliche Erpresser auf den ersten Blick wie ein jung gebliebener Opa, der am Samstagabend noch schnell Kartoffelchips und Bier für den Fernsehabend einkauft. Er trägt eine Mütze und schwarze Handschuhe, und der erste Blick trügt in diesem Fall wohl.

Der Mann, etwa um die 50 Jahre alt, soll in einem Supermarkt in Friedrichshafen am Bodensee Babynahrung mit Gift versetzt haben. In einer E-Mail an die Polizei, an mehrere Unternehmen und Verbraucherschutz-Organisationen soll er einen zweistelligen Millionenbetrag gefordert und angedroht haben, bis Samstag 20 verschiedene Lebensmittel zu vergiften. Die Polizei in Konstanz spricht von einem "herausragenden Erpressungsfall" und einem "sehr skrupellosen" Täter, der den Tod unschuldiger Menschen "billigend in Kauf" nehme.

Die vergifteten Babybrei-Gläser wurden von der Polizei sichergestellt, bevor sie verkauft wurden. Der Täter hatte den Behörden zuvor einen Hinweis gegeben.

All das spielte sich bereits vor knapp zwei Wochen ab. Da die 220-köpfige Sonderkommission "Apfel" bislang keinen Erfolg hatte, wandte sich die Kriminalpolizei Friedrichshafen jetzt an die Öffentlichkeit. Sie veröffentlichte Foto- und Video-Aufnahmen, die Überwachungskameras am Samstag, 16. September, kurz vor Ladenschluss aufgezeichnet hatten. Wer ist der Mann? Die Ermittler bitten um Hinweise. "Die Brille könnte er eventuell zur Tarnung getragen haben", sagt Uwe Stürmer, Chef der Kriminalpolizei Friedrichshafen. Auch die internationale Fahndung läuft, vor allem in Österreich und in der Schweiz.

Das baden-württembergische Ministerium für Verbraucherschutz rief die Bevölkerung zu erhöhter Wachsamkeit beim Einkauf auf. Man solle auf Beschädigungen der Verpackungen achten - vor allem auf das Klacken beim Öffnen eines Glasbehälters. Wer verdächtige Artikel entdeckt, solle sofort das Supermarkt-Personal informieren. Falls die Manipulation erst zu Hause entdeckt wird, soll man schnellstmöglich die Polizei benachrichtigen. Die Produkte selbst sollen beim Ladengeschäft oder bei jeder Polizeidienststelle abgegeben werden.

Diese Warnung gilt für ganz Deutschland und sogar darüber hinaus. Denn der Täter habe in seinem Erpresserschreiben angedroht, "Lebensmittel- und Drogeriemärkte" im In- und Ausland heimzusuchen. Die Drohung beschränke sich nicht nur auf Babynahrung, betont das Ministerium. Es könnten alle Arten von Lebensmittel betroffen sein. Ministerialrätin Petra Mock sprach daher bei einer Pressekonferenz in Konstanz von einem "sehr, sehr schwierigen Fall", weil der Erpresser nur vage Angaben gemacht habe: "Wir können keine Produkte zielgerichtet aus dem Verkauf nehmen."

Womöglich gibt es auch mehrere Täter, denn die vergifteten Babybrei-Gläser wurden in fünf verschiedenen Geschäften hinterlassen. In den sichergestellten Produkten entdeckten die Behörden den Giftstoff Ethylenglycol. Diese klare, süß schmeckende Flüssigkeit sei in die Nahrung eingerührt worden. "Schon 30 Milliliter sind bei Erwachsenen gesundheitsgefährdend", sagte Petra Mock. 100 Milliliter gelten als tödliche Dosis, wenn nicht rechtzeitig ein Gegenmittel eingenommen wird.

Was ist Ethylenglycol?

Ethylenglycol wird unter anderem als Frostschutz- und Lösungsmittel genutzt. Es handelt sich um eine farb- und geruchlose Flüssigkeit mit der Konsistenz von Sirup. Sie schmeckt süßlich, und kann damit vor allem für Kinder leicht zur Gefahr werden.

Die Chemikalie kann nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung bereits nach einigen Schlucken zu Gangunsicherheit, Schläfrigkeit, Verwirrung sowie Übelkeit und Erbrechen führen. Die Beschwerden können über Stunden zunehmen und unbehandelt zu schweren Nierenschäden führen. Werden große Mengen aufgenommen, besteht Lebensgefahr. Bei akuten Vergiftungserscheinungen sollte daher der Notruf (112) verständigt werden. Weitere Auskunft und Handlungsempfehlungen erteilt eine Giftnotrufzentrale. Von Maßnahmen in Eigenregie - etwa Erbrechen auslösen - raten Experten ab. Ethylenglycol kann zudem die Haut oder Augen reizen. In dem Fall sollte die Substanz mit viel Wasser abgespült werden.

Es bestehe kein Anlass zu Panik oder Hysterie

"Wir nehmen den Täter sehr ernst", sagt Kriminalpolizei-Chef Stürmer. "Es besteht aber kein Anlass zu Panik und Hysterie." Die Namen der betroffenen Unternehmen nannte er nicht. Bei dem Verdächtigen handele es sich um einen etwa 50 Jahre alten Mann mittlerer Größe mit schlanker, sportlicher Statur. Er trug auf dem Video eine schwarze Lederjacke, ein weißes Hemd und eine weiß-graue Mütze. Besonders auffällig sei ein weißer Sohlenrand an den Sportschuhen.

In dem Erpresserschreiben hat der Täter nach Angaben von Uwe Stürmer schon ein detailliertes Szenario für die Geldübergabe skizziert. Der Ort liege "außerhalb des Bodenseekreises". Ob es bereits den Versuch einer Geldübergabe gab oder ob es einen geben wird, sagte Stürmer nicht.

Immer wieder werden Supermarktketten oder Lebensmittelhersteller erpresst. Erst im Juli wurde in Bonn ein 74-jähriger Rentner wegen versuchter Erpressung verurteilt. Er hatte dem Süßwarenhersteller Haribo und den Supermarktketten Lidl und Kaufland gedroht, Lebensmittel mit Zyankali zu vergiften. Obwohl er - im Gegensatz zum aktuellen Fall - noch kein Gift verteilt hatte, wurde er zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Kriminalität Polizei fahndet nach Lebensmittel-Erpresser

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Polizei fahndet nach Lebensmittel-Erpresser

Der Mann soll vergiftete Babynahrung in Geschäften in Friedrichshafen in Umlauf gebracht haben. Auf seinen Hinweis hin wurden die Gläschen sichergestellt. Er droht jedoch mit weiteren Taten und fordert einen Millionenbetrag von mehreren Unternehmen.