Nordrhein-Westfalen:Angriff in der ersten Stunde

  • Am Dienstagmorgen soll ein 15-Jähriger einen 14-jährigen Mitschüler an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule im nordrhein-westfälischen Lünen getötet haben.
  • Der mutmaßliche Täter floh zunächst, wurde aber von der Polizei festgenommen.
  • Beide Jugendlichen stammen aus Lünen.
  • Der 15-Jährige fühlte sich derart gereizt", heißt es in einer Erklärung von Polizei und Staatsanwalt, "dass er seinen Mitschüler mit einem Messer in den Hals gestochen hat".

Von Christian Wernicke, Lünen

Vor der Mensa stehen drei eckige Betonklötze. Ein Kunstprojekt, mit dem die Schüler und Lehrer ein Zeichen setzen wollten. "Schule ohne Rassismus" haben sie in dünnen Buchstaben auf die Seite der Betonklötze geschrieben. Noch kräftiger, in weißen Lettern auf pechschwarzen Grund gemalt, liest sich die zweite Botschaft, mit der die Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen ihre Besucher begrüßt: "Schule mit Courage".

Mut, Tapferkeit, Kraft - all das werden sie brauchen in Lünen nach diesem 23. Januar. Denn am Morgen dieses Dienstags steht die 85 000-Einwohner-Stadt am Ostrand des Ruhrgebiets unter Schock. Kurz nach acht Uhr hat ein 15-Jähriger offenbar auf dem Hausflur der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule einen 14-jährigen Mitschüler mit einem Messer angegriffen und mit einem Stich in den Hals tödlich verletzt. Augenzeugen berichten, eine Lehrerin habe versucht, das Opfer zu reanimieren. Vergeblich. Der Junge starb noch auf dem Schulgelände.

Der Angreifer, laut Auskunft der Behörden ein Deutscher mit einem zweiten (kasachischen) Pass, konnte zunächst fliehen. Ein Polizeihubschrauber lokalisierte ihn kurze Zeit später auf seinem Weg zurück ins Zentrum von Lünen in den Wiesen am Datteln-Hamm-Kanal. Bei seiner Festnahme leistete der Junge keinen Widerstand.

Zurück am Tatort blieben 900 verstörte Schüler und 90 fassungslose Lehrer. Der Vorfall, so ließ Schuldirektor Reinhold Bauhus verbreiten, habe "große Betroffenheit im Kollegium und in der ganzen Schule ausgelöst". Bauhus, selbst Vater von drei Kindern, wies die Lehrer an, zunächst mit ihren Schülern in den Klassenräumen zu bleiben. Und das Unfassbare irgendwie in Worte zu fassen.

Dann, gegen Mittag, steht einer der Schüler, 14 Jahre alt, neben seiner Mutter im Winterwind und erzählt mit bleicher Miene von dem Geschehen. Nach der ersten Stunde ("Wir hatten Hauswirtschaft") sei der Klassenlehrer gekommen und habe seiner 8b von der Bluttat berichtet: "Er hat gesagt, es sei jemand erstochen worden." Später habe er erfahren, wer das Opfer ist. Er kannte den 14-Jährigen, jedenfalls flüchtig. Ein aufgeweckter Junge aus der Parallelklasse, bekannt für seine Scherze.

Drinnen in der Mensa, in der am späten Vormittag die meisten Schüler darauf war-ten, von ihren Eltern abgeholt zu werden, spielen sich währenddessen sehr emotionale Szenen ab. Kinder liegen sich in den Armen, schluchzen, weinen, schweigen. Lehrer versuchen zu trösten und sind dennoch selbst ratlos. Schnell spricht sich hier unter Schülern herum, der Angreifer habe das Messer selbst mit in die Schule gebracht. War seine Tat geplant?

Viele Gerüchte - wenig Klarheit

Polizei und Staatsanwaltschaft schweigen zunächst zu den Ermittlungen. Derweil dringen Gerüchte aus dem gelb-orangenen Schulgebäude. Der mutmaßliche Täter sei vor geraumer Zeit von der Schule verwiesen worden, zwischenzeitlich auf der Hauptschule aber "nicht klargekommen". Am Dienstag dann sei er in Begleitung seiner Mutter erschienen, um "eine neue Chance" zu erbitten. Dabei, so die zunächst kolportierte Version, sei es zum Streit mit einem Lehrer gekommen. Der mutmaßliche Täter habe sich vor den Augen seiner Mutter auf den Pädagogen stürzen wollen, doch das Opfer sei dazwischengegangen und tödlich verletzt worden.

Am Dienstagabend korrigieren die Behörden diese Darstellung. Tatsächlich wollte der 15-Jährige zurück an seine alte Schule. Deshalb hatten er, der als "unbeschulbar und aggressiv" geltende Teenager, und seine Mutter einen Termin mit einer Sozialarbeiterin. Während der Wartezeit sei das spätere Opfer vorbeigekommen. Die beiden Kids verband offenbar eine alte Abneigung. Der 15-Jährige hatte den Eindruck, sein Mitschüler habe seine Mutter "mehrfach provozierend angeschaut". Das jedenfalls gab er später im Verhör an. "Der 15-Jährige fühlte sich derart gereizt", heißt es in einer abendlichen Erklärung von Polizei und Staatsanwalt, "dass er seinen Mitschüler mit einem Messer in den Hals gestochen hat". Tödlich.

Draußen vor dem Schulgelände steht ein anderer Schüler auf dem Asphalt. Der 17-Jährige hat die Hände in die Taschen gesteckt und denkt nach. Er habe den Angreifer seit ungefähr einem Jahr gekannt. "Das war kein Typ, vor dem man Angst zu haben brauchte", sagt er. "Das war einer, der war ganz normal unterwegs." Ihm fehlen die Worte. Er sagt, dass er sehr traurig sei.

Nicht anders geht es auch Jürgen Kleine-Frauns, dem Bürgermeister von Lünen, der um 13 Uhr in seinem Wagen vor dem Schultor hält. Er sagt, dass seine "Gedanken bei der Familie des Opfers" seien und bei der ganzen Schulgemeinde. Kleine-Frauns hat den Kragen seines dunklen Mantels hochgeschlagen, seine Hände hält er gefaltet. Er friert, nicht nur wegen der Kälte, sondern auch, weil er "ehrlich tief betroffen ist, ich habe doch selbst zwei Kinder". Mit scheuem Blick in fünf Fernsehkameras fügt er noch hinzu, seine Stadt werde am Mittwoch um zwölf Uhr mittags in einer Schweigeminute des Opfers gedenken. Auch die Mutter eines Mitschülers wird dann innehalten.

Nur plagt sie, was sie morgens um kurz vor acht machen soll: Den Sohn wieder in die Schule schicken? Die Frau mit den wachen Augen schüttelt den Kopf: "Ich weiß nicht, was ich tun soll." 28 Jahre lang, so hat ihr der Lehrer eben noch versichert, habe es an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule kein einziges Problem mit einem Messer gegeben. Ihr Sohn versucht seine Mutter zu beruhigen: "Was hast du? Die haben den Kerl doch festgenommen!" Am Abend stecken zwei Sträuße weißer Tulpen im Zaun am Schultor.

© SZ vom 24.01.2018/eca
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