Rechtsstreit um Album-Cover:Never mine

Rechtsstreit um Album-Cover: Ikonisch, aber jetzt umstritten: Ein Cover-Ausschnitt des "Nirvana"-Albums "Nevermind" von 1991.

Ikonisch, aber jetzt umstritten: Ein Cover-Ausschnitt des "Nirvana"-Albums "Nevermind" von 1991.

(Foto: mauritius images / Alamy / Records)

Der US-Amerikaner, der als Baby für das Cover des "Nirvana"-Albums "Nevermind" abgelichtet wurde, verklagt die Band auf Schadenersatz, sein Vorwurf: Kinderpornografie. Eine erstaunliche Wendung.

Von Moritz Geier

Löst der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien, die Frage warf 1972 der US-Mathematiker und Meteorologe Edward Lorenz in einem Vortrag auf, einen Tornado in Texas aus? Den danach benannten Butterfly Effect, also grob gesagt, die Unvorhersehbarkeit langfristiger Auswirkungen, könnte man heute womöglich ganz gut an der Geschichte des US-Amerikaners Spencer Elden studieren.

Vier Monate war Elden gerade mal alt, da warf ihn sein Vater Rick in den Pool, ein Bekannter hatte ihn darum gebeten, ein Fotograf, er wollte ein Unterwasserbild machen. 1991 war man noch nicht so pingelig, 200 Dollar für die Eltern und zack, rein ins Wasser. Wer denkt da schon an die langfristigen Auswirkungen? Das Foto jedenfalls schrieb Musikgeschichte: Es ziert das ikonische Cover des Nirvana-Albums "Nevermind", 30 Millionen Mal verkauft, dazu Poster, T-Shirts, Werbereklame: überall das Baby, das scheinbar dem ins Bild retuschierten Ein-Dollar-Schein hinterherschwimmt, dem Geld am Angelhaken.

30 Jahre ist das her, aber löst der Flügelschlag in diesem Fall vielleicht doch noch einen Tornado aus? Spencer Elden, die Nachricht schepperte am Mittwoch in Grunge-Lautstärke aus den USA herüber, verklagt die noch lebenden Bandmitglieder (und auch die Nachlassverwalter des 1994 gestorbenen Sängers Kurt Cobain) auf Schadenersatz. Nirvana hätte mit dem Cover-Foto gegen Kinderpornografie-Gesetze verstoßen, behauptet Elden, er habe "lebenslange Schäden" erlitten, und noch dazu hätten seine Eltern nie einen Vertrag unterschrieben. Er sei "gezwungen worden, als Minderjähriger an kommerziellen sexuellen Akten teilzunehmen". Hm. In Deutschland, das sagt zumindest ein Rechtsexperte, den man um eine schnelle Einschätzung des Falles bittet, "würde Sie damit jeder Richter wegschicken".

Dass Eldens argumentatives Fundament nicht besonders stabil ist, zeigt ein kurzer Blick ins Internet. Hier mal ein paar Zitate von ihm: "Ziemlich viele Leute in der Welt haben meinen Penis gesehen. Also das ist irgendwie cool, denk ich mal." (NPR, 2008) Oder: "Es ist cool, aber komisch, Teil von so etwas Wichtigem zu sein, an das ich mich nicht mal erinnern kann." (New York Post, 2016)

"Ich lebe im Haus meiner Mutter und fahre einen Honda Civic"

Was man noch erfährt: Für kleinere Gagen hat Elden das Foto über die Jahre immer mal wieder nachgestellt, zum zehnten, 15., zum 25. Jubiläum des Albums. Den Albumtitel "Nevermind" hat er sich sogar auf die Brust tätowieren lassen. Erst seit ein paar Jahren klingt auf einmal alles anders. Das Foto habe sein ganzes Leben geprägt, sagte er GQ Australia. "Aber in letzter Zeit denke ich oft: "Was, wenn es nicht o. k. war, dass jedem mein verdammter Penis gezeigt wird?"

In einem Interview mit dem Time Magazine 2016 ist dann schon ordentlich Frust rauszuhören. Elden versucht sich mittlerweile als Künstler. "Jeder, der mit dem Album zu tun hatte, hat Tonnen über Tonnen Kohle", klagt er. "Es fühlt sich so an, als wäre ich das letzte bisschen Grunge-Rock. Ich lebe im Haus meiner Mutter und fahre einen Honda Civic." Von der Band habe sich nie jemand gemeldet, auch nicht, als er mal wegen eines Kunstprojekts Kontakt aufnehmen wollte.

Never mind, könnte man jetzt natürlich sagen, mach dir nichts draus. Andererseits musste es vielleicht genauso kommen. Mit Spencer Eldens Griff nach dem Geld erfährt Nirvanas berühmtes Album-Cover nun jedenfalls seinen ganz eigenen Schmetterlingseffekt.

© SZ/feko
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