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Muttermilch-Börse:"Muttermilch ist das Beste fürs Kind"

Anders als bei Lebensmitteln aus dem Supermarkt gebe es beim privaten Handel mit Muttermilch keinerlei amtliche Kontrollen. Also besser industriell hergestelltes Pulver? Eine Alternative, die für Mütter wie Tanja Müller keine ist. Obwohl wissenschaftlich nicht erwiesen ist, dass sich die Milch einer fremden Mutter ebenso positiv auf ein Kind auswirkt wie die der eigenen.

"Muttermilch ist das Beste fürs Kind", sagt die 37-Jährige. Die Substanz enthält nicht nur wichtige Vitamine, Enzyme und Mineralien, sondern passt sich auch an die Bedürfnisse des Kindes an. Die Zusammensetzung ändert sich, je älter das Kind wird: Ist die Milch in den ersten Tagen nach der Geburt noch dickflüssig und enthält viele Proteine und Stoffe zur Immunabwehr, wird sie mit der Zeit dünner und milchiger, reicher an Kohlehydraten und Fetten. Deshalb müssen Verkäuferinnen auf der Webseite auch das Alter ihres Kindes angeben.

Die Vorteile der Muttermilch gegenüber Fertigpulver sind bei Medizinern unumstritten: Gestillte Kinder seien besser vor Infektionen geschützt und hätten ein geringeres Risiko, an Diabetes oder Morbus Crohn zu erkranken, auch die Hirnentwicklung beeinflusse die Milch positiv.

"Human Milk 4 Human Babies"

Die Fans der Muttermilch finden sich auf Seiten wie die der Facebook-Gruppe "Human Milk 4 Human Babies - Deutschland". Inserate gibt es viele: Ein Mann schreibt, seine Tochter sei kürzlich im Alter von acht Monaten gestorben. "Es fällt uns schwer, die Milch einfach so wegzuschütten, lieber würden wir sie verschenken. Hat jemand Interesse?" Es sind Schicksale wie dieses, die Tanja Müller dazu gebracht haben, die Börse einzurichten. "Es gibt nun mal Mütter, die haben zu viel Milch, und solche, die haben zu wenig."

Nur für schwer kranke und zu früh geborene Babys gibt es in deutschen Kliniken Frauenmilchbanken. Anfang der Achtzigerjahre wurden die meisten wegen der HIV-Gefahr geschlossen, mittlerweile betreiben wieder elf Krankenhäuser solche Spender-Banken. Wer heute dafür Milch abgeben will, wird vorher genauso detailliert untersucht wie bei einer Blutspende.

Auf www.muttermilch-boerse.de können die Nutzerinnen freiwillig und auf eigene Kosten Proben an das Institut für Milchuntersuchung schicken und dort testen lassen - zum Beispiel auf Keime und spezielle Bakterien. Laborleiter Jürgen Buermeyer analysiert normalerweise nur Milch von Kühen. Er sagt: "Wir erheben nicht den Anspruch eines medizinischen Labors." Der Service sei lediglich ein Angebot, eine hundertprozentige Sicherheit gebe die Untersuchung nicht.

Ein Risiko, das Tanja Müller in Kauf nehmen würde. Mit der Börse habe sie den Handel im Internet nur professioneller machen wollen - und sicherer, sagt sie. Auf ihrer Seite erklärt sie, wie Mütter ihre Milch schockgefrieren und worauf sie achten müssen beim Abpumpen. Der Kinderarzt Berthold Koletzko rät dennoch ab. "Ich bin wirklich ein Verfechter des Stillens", sagt er. "Aber der Vorteil von Muttermilch ist nicht so groß, dass sie die Gefahren einer solchen Börse aufwiegen."

© SZ vom 01.02.2014/dato
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