Missbrauch an der Odenwaldschule Verhandeln im Klima des Misstrauens

Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ringen Vertreter der Odenwaldschule und der Opfer seit Jahren um Entschädigungen und die Besetzung eines wissenschaftlichen Beirats. Nun könnten sich die Parteien endlich zu einem Kompromiss durchringen.

Von Tanjev Schultz

Geteiltes Leid ist halbes Leid, heißt es. Aber wirklich tröstlich ist es für die Betroffenen nicht, dass die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals nicht nur bei der katholischen Kirche zäh und konfliktreich verläuft. Auch die Odenwaldschule, das berühmte und nun berüchtigte Internat im hessischen Heppenheim, tut sich schwer. Vertreter der Schule und der Opfer ringen um Entschädigungszahlungen und um die Besetzung eines wissenschaftlichen Beirats. Der hessische Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet (Grüne) versucht, zwischen beiden Seiten zu vermitteln. An diesem Dienstag könnte der Durchbruch zu einem Kompromiss gelingen.

Ein Streitpunkt war zuletzt der Beirat, der die Fälle sexueller Gewalt und die Umstände, die sie ermöglicht haben, untersuchen lassen soll. Wie heikel das ist, hat zuletzt die katholische Kirche erfahren, deren Zusammenarbeit mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer vorige Woche in Unfrieden endete, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte.

Die private, konfessionell ungebundene Odenwaldschule will sich nicht wie die Kirche den Vorwurf von Zensur einhandeln. Bei dem Beirat lege sie Wert auf die Unabhängigkeit der Mitglieder, teilte die Schule mit. Sie halte wenig davon, Interessenvertreter der Opfer in dem Gremium zuzulassen. Das war für die Opfervereinigung "Glasbrechen" ein Affront. Sie will eine ehemalige Schülerin in den Beirat entsenden. Außerdem hat der Verein unter anderem die Präventionsexpertin Julia von Weiler vorgeschlagen.

Die Schule und der Verein "Glasbrechen" sind sich in den vergangenen Monaten mit großem Misstrauen begegnet, nicht zuletzt bei Verhandlungen über Entschädigungen. Der Vorsitzende von "Glasbrechen", Adrian Koerfer, spricht von einem "arroganten Verhalten" der Schule.

In einem gemeinsamen Brief greifen vier ehemalige Lehrer und Mitarbeiter das Internat ebenfalls an. Sie beklagen ein "Herumlavieren der Odenwaldschule" und den "Versuch des Aussitzens". Gemessen am Ausmaß der Taten gebe es bisher nur eine "rudimentäre finanzielle Unterstützung" für die Betroffenen.

Die Schule, derzeit geleitet von Katrin Höhmann und Roland Kubitza, verwies dagegen auf ihre Stiftung "Brücken bauen", die bereits 300.000 Euro an Betroffene gezahlt habe. Der Zugang zu Hilfen solle demnächst vereinfacht werden. Zusätzlich seien etwa 60.000 Euro an "Glasbrechen" geflossen, die um weitere 50.000 Euro ergänzt werden sollen.